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Firmengründer Alexander Kollreider: „Wir haben nicht wirklich gewusst, wie lange wir überleben werden.“

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Es war der berühmte Zufall

Mittwoch, 29. März 2017

Tyromotion aus Graz ist heute führend bei intelligenten Rehab-Robotern

Es lief alles in Richtung einer wissenschaftlichen Karriere an der TU Graz für den gebürtigen Tiroler Alexander Kollreider. Bis der Zufall im Jahre 2003 ihn mit dem Thema Robotik in Kontakt brachte. Heute setzen rund 400 Kunden in 40 Ländern mehr als 2.000 Geräte der Grazer Firma Tyromotion in der Rehabilitation ein.

Primar Peter Grieshofer, Gesellschafter und leitender Arzt in der Rehab-Klinik Judendorf Straßengel, war auf der Suche auf der Technischen Universität in Graz nach „jemandem“, der ihm einen Prototypen für die Rehabilitation von Kindern entwickeln und bauen sollte. „Und er kam zu uns ins Institut für Maschinenbauelemente und Entwicklungsmethodik – das war im Jahre 2003“, erinnert sich Alexander Kollreider an die erste Begegnung. Er startete mit Studenten das Projekt und es gab schon in einer Anfangsphase gute Ideen und Ansätze. Einer der Studenten wollte dann eine Diplomarbeit schreiben und tat dies dann auch. „Es war David Ram, der dann später mit mir Tyromotion gründete. Er entwickelte in seiner Diplomarbeit diesen Roboter.“ Peter Grieshofer, der Primar aus Judendorf, kaufte dann die Teile für seine Rehab-Klinik. „Aber es gab damals von uns keine Idee, ein Unternehmen zu gründen“, so Kollreider.

Und dann kam wieder der Zufall ins Spiel. Alexander Kollreider siedelte mit seiner Familie von Graz nach Judendorf-Straßengel. Er fuhr täglich an der Rehab-Klinik vorbei und erkundigte sich nach einem Jahr, was mit dem Gerät geschehen sei. Zur Überraschung hieß es dort: „Ja, wir setzen es jeden Tag ein.“ Da entstand bei Alexander Kollreider die Idee, eine Produktion und eine Firma zur Herstellung solcher Geräte zu gründen. Er setzte sich mit David Ram in Verbindung, der mittlerweile bei der AVL beschäftigt war. Beide hatten die Vorstellung, die Lizenz für das Bauen des Rehab-Roboters zu vergeben. Die größeren Hersteller hatten jedoch kein Interesse, denn die Roboter waren erst ziemlich am Anfang und nur da und dort in der Rehabilitation im Einsatz. „Da haben wir uns gesagt: Versuchen wir es selber.“ Das erste Büro gab es im Science Park der SFG in Graz und eine Startfinanzierung der Wirtschaftsförderung von 20.000 Euro. Dort wurden dann auch die ersten Geräte gebaut und im März 2007 gründeten die beiden Techniker Alexander Kollreider und David Ram die Firma Tyromotion. Primar Peter Grieshofer hat als erster Kunde auch das erste Gerät gekauft. „Nicht zuletzt deshalb, weil er für uns ja so etwas wie ein medizinischer Mentor war.“ Die ersten Mitarbeiter wurden angestellt und das heutige Büro am Bahnhofgürtel 59 – natürlich damals noch viel kleiner – bezogen.

Den ersten großen Auftritt gab es bei der Medica in Düsseldorf. „Dort haben wir einen Vertriebspartner kennengelernt. Dieser kam aus Mexiko und auch das Gerät lieferten wir dorthin. Alle meinten, wir würden dort nie ein Geld sehen“, so Alexander Kollreider. „Aber mit der Bezahlung klappte es hundertprozentig und auch in der Folge haben wir weitere Geräte nach Mexiko verkauft.“

Das Interesse war groß an den Rehab-Robotern, doch die ersten Zeiten waren trotz einiger Bankkredite ganz schwierig. „Wir haben nicht wirklich gewusst, wie lange wir das überleben werden. Mit der Liquidität war das immer ein Hängen und Würgen.“ Persönlich nahm das Führungsduo gerade so viel aus dem Unternehmen, damit es ihre Familien erhalten konnte. 2012 schaffte man die erste Umsatz-Million. Alexander Kollreider: „Das war schon ein erhebendes Gefühl.“

Der Markt in Österreich war überschaubar und mit Rehab-Robotern für die oberen Extremitäten auch bald gedeckt. Es war daher wichtig, sich für weitere Absatzmärkte zu wappnen. Die USA war ein solcher Hoffnungsmarkt, wird doch dort rund die Hälfte aller Rehab-Roboter eingesetzt. „Ich bin selbst nach New York, habe mit der Gründung einer Niederlassung und dem Geräteverkauf begonnen“, so Alexander Kollreider. „Ich habe viel Zeit dort verbracht – mit der Bürosuche und auch den Behördenwegen. Es war ein ganz schönes Abenteuer.“

Seit 2015 ist SHS, ein privater, deutscher Kapitalfonds, bei Tyromotion als Partner an Bord, erfahren in Medizintechnik. „Wir waren damals an dem Punkt, wo wir uns eben entscheiden mussten. Wir haben ständig an der Liquiditätsgrenze dahin gearbeitet und das war zum Teil nicht immer ganz einfach. Mit dem Finanzinvestor wird nun der große Sprung gelingen.“

Derzeit beschäftigt Tyromotion 50 Mitarbeiter und der Jahresumsatz beträgt etwa fünf Millionen Euro. In den USA gibt es die Niederlassung, in Deutschland – auch ein wichtiger Markt – sind zwei Mitarbeiter dafür eingesetzt. Von Graz aus werden die Märkte in Europa, Asien und den Rest der Welt bearbeitet. Mit seinen Systemen ist Tyromotion weltweit führend bei Robotik- und computergestützten Therapiegeräten – ob das nun in der „Heimat“ ist, wo die Privatklinik Laßnitzhöhe darauf schwört, im Mediclin-Rehabzentrum in Bayreuth oder in der Mos-Rehab-Klinik, eine der besten Einrichtungen in den USA.

Entscheidend für den Erfolg sind die Therapeuten, Masseure, Psychologen und Neurologen, die an der Geräte-Entwicklung praktisch mitarbeiten. Je nach Rehabilitationsfortschritt hat der Therapeut die Möglichkeit, aus passiven, assistiven und aktiven Modulen zu wählen. So bildet der patentierte Amadeo-Mechanismus die natürliche Greifbewegung der Hand nach. Gezielte Übungen helfen bei eingeschränkten motorischen Fähigkeiten, Motorik, Kraft und Sensorik zu verbessern. Die Fingerbewegungen stimulieren das Gehirn und damit die Neubildung von Synapsen. Intensives Training mit einer hohen Wiederholungsfrequenz an Greifbewegungen fördert den Lernprozess besonders. Über Bio-Feedback in Echtzeit verfolgt der Patient akustisch und optisch die Bewegungssequenzen. Die eingebaute Sensorik ermöglicht eine quantitative Erfassung und Auswertung der auftretenden Fingerkräfte und des Bewegungsumfangs. Der Therapiefortschritt wird bewertbar und für den Patienten sichtbar gemacht. Alexander Kollreider: „Das steigert die Motivation.“

Höchst motiviert ist auch Tyromotion und entwickelt derzeit Geräte für die unteren Extremitäten. „Sodass wir dann ein Komplettangebot haben“, so Alexander Kollreider. Der Markt dafür ist noch größer als jener bei den oberen Extremitäten. „Nun haben wir auch die Mittel für die Entwicklung und das beruhigt. Denn wenn der Rubel ausgeht, dann wird es schnell finster.“ Eine Erfahrung aus der Gründerphase, die sich eingeprägt hat.