KitzbuehlGipfel-neu

Foto: Hannes Gianmoena, Kitzbühel

Eine der Kehren auf der zehn Kilometer langen Panoramastrecke. Schon einmal probiert, 22,3 % Steigung zu schaffen? Das Gipfelhaus mit dem Sender des Kitzbüheler Horns.

Eine der Kehren auf der zehn Kilometer langen Panoramastrecke. Schon einmal probiert, 22,3 % Steigung zu schaffen? Das Gipfelhaus mit dem Sender des Kitzbüheler Horns.

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Ziel beim Alpenhaus auf 1.670 Metern Seehöhe – auch bei der Österreich-Rundfahrt.

Ziel beim Alpenhaus auf 1.670 Metern Seehöhe – auch bei der Österreich-Rundfahrt.

Der Mythos Kitzbüheler Horn

Sonntag, 16. Juli 2017

Klipp war oben mit dem E-Bike

Die zehn Kilometer lange Panoramastraße weist Steigungen bis zu 25 Prozent auf. Am Horn gibt’s beim Alpenhaus in 1.670 Meter auch die Bergankunft einer Österreich-Rundfahrt-Etappe. Die Strecke ist einer der schwierigsten Anstiege im internationalen Radsport, vergleichbar mit Alpe d’Huez bei der Tour de France.

„Geh die Sache langsam an“, sage ich mir immer wieder, weil’s schon vom ersten Tritt an bergauf geht, bis zum Start der Zeitnehmung. Neben der Straße weidende Kühe schauen mir verständnislos entgegen. Doch auch ihr Blick kann mich nicht „einschüchtern“. Rasch wird mir bewusst, welche Plagerei die zehn Kilometer Bergauffahren mit 30 Kehren bis zum Gipfelhaus werden. „Kehre 1“ lese ich da, wissend, dass noch zumindest weitere 20 folgen werden. Der Regen lässt nach, Autofahrer, die mir entgegenkommen oder mich überholen, hupen mich an. „Nur weiter so, super“, ruft einer. „Wie lange soll ich mir das antun, wie weit schaffe ich es?“, frage ich mich in immer kürzeren Abständen.

Puls und Atem sind bereits hoch, da taucht bei Kehre 6 die Mautstelle (1.046 Höhenmeter) vor mir auf. Biker dürfen gratis rauf – wenigstens ein Privileg. Ich mache einige Fotos, versorge meinen Körper mit Flüssigkeit, erhole mich ein wenig und dann sitze ich wieder im Sattel. „14,7 % Steigung“, lese ich – was soll’s, ich schinde mich weiter bergaufwärts. Noch zwei Kilometer, aber ich mag eigentlich nicht mehr, steig‘ ab, schiebe einige Meter, steig‘ wieder auf, kämpfe gegen meinen inneren Schweinehund und lasse eine Kehre nach der andern hinter mir. „Knödelfleischgraben, Kehre 14 in 1.554 Meter und 22,3 Prozent Steigung“, nehme ich die Schilder aus dem Augenwinkel wahr. Tut mir leid, aber auch einige Knödel mehr hätten mich nicht weiter nach vorne gebracht.

Links oberhalb von mir sehe ich bereits das Alpenhaus. Das gibt’s doch gar nicht. So lang kann doch kein Kilometer sein. Und dann habe ich mein erstes großes Ziel geschafft – das Alpenhaus in 1.670 Metern Seehöhe. Aber nun will ich es noch einmal wissen, ich fühle mich plötzlich wieder stark genug. Trinken, Rosinen und Nüsse sind gefragt und weiter geht’s bergaufwärts. Das Fahrrad unter den Schranken durch, hinauf zum Gipfelhaus auf knapp 2.000 Meter. Weitere 2,5 Kilometer heißt das treten und treten.

Ich überhole Wanderer, die bewundernd oder auch abschätzig schauen. „Was will der Wahnsinnige hier oben mit dem Radl?“ Offensichtlich fühlen sie sich gestört. Manchem mit Walking-Stöcken tut es fast körperlich weh, dass da einer unterwegs ist, der es mit dem Radl hinaufschafft. Ich aber habe nur zwei Gedanken: Wann bin ich endlich am Gipfel und hält der Akku?

Nach gut zwei Stunden Fahrzeit kämpfe ich mich mit weichen Knien die letzten Stufen zur Aussichtsplattform oberhalb des Gipfelhauses hinauf. „Ja, du hast es geschafft“, sage ich mir und blicke hinunter ins tiefe Tal, von dort, wo ich losfuhr. Mein Akku ist total leer, aber auch der am Rad.

PS: Danach kehre ich beim Gipfelhaus ein, gönne mir einen Kakao mit Schlag, der guttut. Und weil’s so „schön“ war, überwand ich mich am nächsten Tag und radelte noch einmal aufs Kitzbüheler Horn – allerdings „nur“ bis zum Alpenhaus. Und auch dort gönnte ich mir einen heißen Kakao – diesmal allerdings ohne Schlag – als Belohnung. Fahrzeit: gut eineinhalb Stunden – ah, Sie wollen wissen, was die Rekordzeit ist. Thomas Rohreggger (2007), 28 Minuten, 24 Sekunden. Ja, ich weiß schon – ohne E-Antrieb mit dem Rennrad.