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Vizekanzler Wolfgang Brandstetter lässt sich in der Werkstatt zeigen, was die Häftlinge herstellen. Die Hälfte der Insassen sind Nicht-Österreicher. Es gibt den Plan, dass sie künftig in ihren Heimatländern ihre Strafe absitzen. Geschätzte Ersparnis: 120 Mio. Euro pro Jahr.

Vizekanzler Wolfgang Brandstetter lässt sich in der Werkstatt zeigen, was die Häftlinge herstellen. Die Hälfte der Insassen sind Nicht-Österreicher. Es gibt den Plan, dass sie künftig in ihren Heimatländern ihre Strafe absitzen. Geschätzte Ersparnis: 120 Mio. Euro pro Jahr.

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Kurzbesuch in der Karlau

Dienstag, 11. Juli 2017

Mörder erschlägt Mörder und Massenschlägerei – die jüngsten Schlagzeilen über die Justizanstalt Graz-Karlau zeigen einmal mehr, wie sehr die Vollzugsbeamten unter Druck stehen müssen. Denn trotz aller Sicherheitsmaßnahmen könne man derartige Vorfälle natürlich nicht zu 100 Prozent ausschließen.

Der Zufall wollte so. Es war wenige Tage vor dem Mord. Gemeinsam mit anderen Medienleuten können wir im Rahmen einer Steiermark-Visite von Vizekanzler und Justizminister Wolfgang Brand-
stetter einen Blick hinter die Gefängnismauern werfen. Unter strengsten Sicherheitsbestimmungen, versteht sich. Unsere Daten werden genau erfasst – mittels eines Handscanners. Auch die Mobiltelefone müssen abgegeben werden. Schon eine verkehrte Welt. Niemand will ins Gefängnis. Die, die drinnen sind, versuchen alles, um schnell wieder draußen zu sein. Und wir, die draußen sind, wollen zumindest einmal live erleben, wie es drinnen zugeht. Und wissen, ob das, was in diversen Fernsehserien und -filmen gezeigt wird, annähernd stimmt.

522 männliche Erwachsene Straftäter mit mindestens 18 Monaten Freiheitsstrafe können in der Justizanstalt Graz-Karlau ihre Strafen absitzen. Derzeit ist das Justizministerium dabei, 150 neue Justizwachebeamte in Österreich auszubilden.

Mit der Gewissheit, am Nachmittag zum Glück wieder im Freien zu stehen, marschiert es sich leichter durch die Sicherheitsschleusen. Ganz klassisch, mit einem großen Schlüsselbund in der Hand, wie man es sich so vorstellt, öffnet und versperrt Anstaltsleiter Josef Mock die jeweiligen Türen. Die Räume im Zellentrakt, den wir sehen, sind leer, denn die Insassen sind bei der Arbeit. „Die Beschäftigung sowie die Aus- und Fortbildung sind wesentliche gesetzliche Aufträge, um die Insassen auf ein künftiges straffreies Leben vorzubereiten.“ Klingt gut, funktioniert aber oft nicht wie gewünscht, wie die jüngsten Gewalttaten zeigen.

Das Gefangenenhaus, ursprünglich ein Jagdschloss, ab Ende des 18. Jahrhunderts bereits ein Gefängnis, erinnert mit seinem Zellentrakt doch an amerikanische Gefängnisfilme. Obwohl die Häftlinge weder gestreifte Jacken, noch orange Overalls, sondern Freizeitkleidung tragen.

 Der mächtige Trakt wirkt einschüchternd, bedrückend und irgendwie fasziniert er doch. Durch die nächste Sicherheitsschleuse geht es wieder hinaus auf den Hof. Von Zäunen und Betonmauern umgeben queren wir einen Außenbereich, von wo aus wir zu den Werkstätten gelangen.

Dort gibt es auch „ersten direkten Kontakt“ zu den Insassen, kommt es an den Arbeitsplätzen zum Small-talk mit dem Minister. In der Karlau können die Insassen in insgesamt 19 Arbeitsbetrieben, Werkstätten und Unternehmerbetrieben beschäftigt werden. Darüber hinaus kann im klassischen dualen Ausbildungssystem in neuen verschiedenen Berufen eine Lehre absolviert werden. Sogar die Lehre mit Matura kann gemacht werden. Im Jahresdurchschnitt können knapp 400 Häftlinge beschäftigt werden. Aus der Arbeit erwirtschafteten die Häftlinge 1,15 Millionen Euro. Die Entlohnung pro Stunde beträgt im Durchschnitt 1,83 Euro zur Zeit. Seit kurzem gibt es sogar einen Online-Jailshop, wo man im Gefängnis hergestellte Produkte erwerben kann – mit dem kreativen Namen „Handwerk, das sitzt“.

86 Millionen Euro kostet die Krankenversorgung der Häftlinge in Österreich – keiner ist krankenversichert –, pro Kopf sind das daher knapp 10.000 Euro.

Als wir nach Stunden wieder draußen stehen, kommt die nicht überraschende Ansage eines Kollegen: „Ich bin froh, dass ich wieder hingehen kann, wo ich will, solange ich will. Und mir wird einmal mehr klar, wie kostbar die Freiheit ist.“

Von Isabella Hasewend
Fotos: Heimo Ruschitz