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Robert Krotzer soll Elke Kahr folgen, die an die Pension denkt.

„Mein Elternhaus ist eher konservativ. Das Entsetzen war daher groß.“

„Mein Elternhaus ist eher konservativ. Das Entsetzen war daher groß.“

Fotos: Heimo Ruschitz

Fotos: Heimo Ruschitz

„Leute spüren, dass wir für sie da sind“

Freitag, 14. Juli 2017

KLIPP stellt die Neuen in der Grazer Stadtregierung vor. Den Anfang macht der 30-jährige Robert Krotzer von der KPÖ.

Seinen Geburtsort merkt man sich – ob man es will oder nicht. Es ist Braunau (am Inn), bekanntlich auch der Geburtsort von Adolf Hitler. „Natürlich wird man darauf angesprochen“, so der Neo-KPÖ-Stadtrat beim KLIPP-Gespräch im Grazer Rathaus.

Zum überzeugten Kommunisten wurde er schon in der Mittelschule: „Das war als im Jahr 2000 die Blauschwarze Koalition an die Macht kam. Nur zu jammern ist mir damals zu wenig gewesen. Wir haben vor der Schule von der Kommunistischen Jugend Zettel verteilt. Nachteile hat mir das bei den Lehrern aber keine gebracht.“ Nur Zuhause, da war das Entsetzen der Eltern groß. „Eher konservativ, mit Raiffeisen und so. Ich war dann in der HAK Schulsprecher-Stellvertreter. Der Kompromiss mit meinen Eltern war, dass ich auf keinem Wahlzettel in Oberösterreich gestanden bin.

Zum Studium der Geschichte („meine große Leidenschaft“) und Deutsch ging‘s an die Uni nach Graz. „Ich habe das Lehramtsstudium 2013 abgeschlossen und 2015 das Riesenglück gehabt, an der Klusemann-Schule eine Stelle zu bekommen. Die habe ich aber jetzt kündigen müssen, als ich am 6. April zum Stadtrat gewählt worden bin.“ Seit 2012 sitzt er für die KPÖ im Gemeinderat. Für ihn auf Listenplatz 8 schon damals eine unglaubliche Überraschung. Zur Gemeinderatswahl am 5. Februar 2017: „Wir haben um den Stadtratssitz von Elke Kahr gezittert.“  Als es dann zwei Sitze wurden, war die Sensation perfekt. „Ich habe es am Anfang gar nicht glauben wollen.“

Und wo sieht er das Geheimnis für den Erfolg? Robert Krotzer: „Die Leute spüren einfach, dass man für sie da ist. Sie können immer kommen und wir versuchen zu helfen. Wir verstehen uns als politische Interessensvertretung, als Auftragsempfänger für jene, die keine politische Lobby haben, denn für die wird’s immer schwieriger.“

In den 1970er- und 1980er-Jahren sorgte die SPÖ dafür, dass die Leute eine Wohnung bekommen, Arbeit haben, die Leute generell versorgt sind und auch Ansprechpartner vorfinden. „Davon ist heute“, so Krotzer, „in  der SPÖ nichts mehr zu spüren. Es reicht nicht mehr, das zeigen die Wahlergebnisse, dass man drei, vier Monate vorher über ein PR-Institut mächtige Kampagnen anrollt. Die Leute spüren das, dass da nichts dahinter ist.“

Ja, aber warum steht dann die KPÖ bei „nur“ 20 Prozent? Robert Krotzer: „Die Hürde für Menschen, kommunistisch zu wählen, ist viel höher als für jede andere Partei. Und dazu kommt, dass in Graz Siegfried Nagl seinen Job nicht schlecht macht. Selbst wenn wir uns links sozialistisch nennen würden, dann täten die Leute sagen: ,Das sind ja doch die Kommunisten.‘ Also was soll’s.“

Mit der Ressort-Verteilung haben ÖVP und FPÖ den Grazer „Kummerln“, so wie sie im Volksjargon genannt werden, einen Gefallen getan. „Verkehr, Gesundheit und Pflege werden politisch unterschätzt in ihrer Bedeutung. Wir werden das beweisen. Wir wollen uns da als Sprachrohr der Grazer verstehen.“

 Wiewohl er nur rund 55 Magis-
tratsbeschäftigte in seinem Gesundheits- und Pflegebereich hat – das Budget liegt bei sechs Millionen Euro, wobei die Hälfte ohnehin schon verplant ist für Pflichtausgaben –, ist Krotzer dennoch überzeugt, dass die KPÖ auf Erfolgskurs bleibt. Er ist froh, dass er neben Elke Kahr seine Erfahrungen als Stadtregierer machen kann. „Es wäre eine Horrorvorstellung gewesen, ihr gleich nachzufolgen. Sie hat tausende Termine mit Grazern im Jahr. Da stellt’s dich voll auf, wenn du in die Regierung kommst.“ Sollte Kahr wirklich jetzt ihre letzte Regierungsperiode durchmachen, dann wird er sich leichter tun. „Denn nur das war der Grund, warum ich in den Stadtsenat gekommen bin. Andere, die gleich alt waren, wie die Elke, wären sicher erfahrener gewesen, aber irgendwo hat man an die Nachfolge gedacht.“

Dass die KPÖ mit der Nagl-ÖVP nicht kann, zeigt sich zum Beispiel bei der Sozial-Card. Da überlegt die Nagl-ÖVP ernsthaft, gewisse Leistungen einzuschränken – etwa beim Heizkostenzuschuss oder beim Weihnachtsgeld, beim Schulstart. Da geht’s um einen Gesamtaufwand von 800.000 Euro für die Stadt. „Die reden sich leicht, weil sie keine oder kaum Beziehungspunkte zu den Leuten haben, denn die umgeben sich nicht mit Menschen, die darauf angewiesen sind. Eine echte christlich-soziale Partei würde das nie tun, weil es für den Einzelnen drastische Auswirkungen hat. Die Nagl-Partei sorgt sich nur darum, dass Investoren die besten Bedingungen in Graz vorfinden. Das zeigt einfach die Abgehobenheit der Politik“, so Robert Krotzer. Die KPÖ geht andere Wege. So hat sie eine Obergrenze von 2.200 Euro Netto-Gage für ihre Funktionäre beschlossen. „Als 30-Jähriger hätte ich sonst jetzt mehr als 6.000 Euro im Monat zur Verfügung. Nach zwei Jahren hätte ich mit so viel Geld sicher ein anderes Lebensgefühl.“ So aber spüre man die Verantwortung für die Menschen, die man habe. Und dazu zählt auch, dass Krotzer seinen Anspruch auf ein Dienstauto nicht nützt. „Ich fahre zu allen Terminen mit dem Fahrrad oder öffentlich.“ Große Überraschung gab es beim Städtetag in Zell am See. „Wie seid ihr hergekommen?“, wunderten sich die Polit-Kollegen, der Rest der Stadtregierung. Die KPÖ-Delegation kam mit dem Auto von Elke Kahr – privat. Es wurden von ihr nicht einmal die Fahrtkosten verrechnet.