herbstPlakate-Auszug

Plakate aus 50 Jahren steirischer herbst / Posters of fifty year's of steirischer herbst. Fotos: Günter Waldorf, herms FRITZ, Fotogruppe Puchwerke mit Gruppe pool (Haberl, Kriesche, Neubacher), Peter Philipp, Lies Verheyen, Karl Neubacher, Andreas Siekmann, Arnulf Rainer, Ecke Bonk, Willy Puchner (Pinguin-Design © anaplus), Horst Gerhard Haberl, Jörg Schlick, Michael Schuster, buero8, Atelier Neubacher

Mette Ingvartsen: „to come (extended)“ – Eröffnung steirischer herbst 2017. Foto: Jens Sethzman

Mette Ingvartsen: „to come (extended)“ – Eröffnung steirischer herbst 2017. Foto: Jens Sethzman

50. steirischer herbst Jubiläum. Jubiläumslogo: Horst Gerhard Haberl, 2017

50. steirischer herbst Jubiläum. Jubiläumslogo: Horst Gerhard Haberl, 2017

Schlagzeilen zum Geburtstag

Freitag, 22. September 2017

steirischer herbst: heute startet 50. Auflage

Bei der offiziellen Jubiläumsfeier zum 50. steirischen herbst vor einer Woche war alles auf Harmonie angelegt. LH Hermann Schützenhöfer würdigte den steirischen Herbst in seiner Bedeutung für die Kulturlandschaft Österreichs und dessen Initiator Hanns Koren, legendärer Kulturpolitiker in der weißgrünen Mark. Als Geburtstagsredner stand der Komponist Georg Friedrich Haas im Programm. Das Publikum war auf eine der üblichen Lobeshymnen eingestellt, doch Georg Friedrich Haas „enttäuschte“ diese Erwartungen.

Fast konnte man eine Stecknadel fallen hören, so still wurde es. Der seit einigen Jahren in den USA lebende Komponist Georg Friedrich Haas – er ist Inhaber eines Lehrstuhls an der New Yorker Columbia Universität – nannte in seiner fulminanten, aber ob der Fakten und historischen Wahrheiten auch irgendwie beklemmenden Rede erstmals die Hintergründe, die zur Gründung des steirischen herbst führten.

Haas entstammt einer bekannten Bürgerfamilie in Graz. Sein Großvater, ein Architekt, war eine der Schlüsselpersonen der Grazer „Alt-Nazi“-Szene. Sein Vater – auch ein Nazi, verstand das Kriegsende am 8. Mai 1945 als Tag der Niederlage – war einer der Proponenten für ein Volksbegehren zur Abschaffung des steirischen herbst. Dieses konnte aber die notwendigen Unterschriften nicht zusammen bringen. Mit Gleichgesinnten empörte er sich über die entartete Kunst nach Kriegsende. Haas legte in seiner Rede das einflussreiche Netzwerk der „Alt-Nazis“ in der Steiermark nach dem Kriege dar. In seinem Elternhaus stand der Satz „Unsere Ehre heißt Treue“ ganz oben in der Gesinnung.

Und dann folgte die wohl brisanteste Passage, in der Haas auf die Gründung des steirischen herbst einging. Im Jahre 1963 erhielt Josef Papesch den Peter Rosegger Literaturpreis des Landes Steiermark. Er war während der gesamten Nazi-Zeit der höchste Kulturfunktionär in der Steiermark gewesen. Als Dichter waren Pappeschs Arbeiten von keiner wirklichen Qualität. In der Familie von Haas hieß es, dass Pappesch den Kulturpreis nur erhielt, um damit ein Zeichen an die Nazi-Wählerschaft in der Steiermark zu setzen, sich noch stärker in die ÖVP zu integrieren. Pappesch wurde der Peter Rosegger Preis nicht trotz, sondern wegen seiner NS-Vergangenheit verliehen. Eines der Jury-Mitglieder war Hans Koren, der auch für Pappesch stimmte. Doch ihm wurde bald klar, dass die steirische Kulturpolitik Gefahr lief, jeden Rest moralischer Integrität zu verlieren. Als Gegengewicht zu diesem im Land sicht- und fühlbaren braunen Sumpf wurde vier Jahre später, 1967, der steirische herbst geboren. Das, was vorher als entartete Kunst diffamiert worden war, wurde nun in den Mittelpunkt eines die Identität des Landes mit definierenden Festivals gestellt. Haas gibt in seiner Rede offen zu, auch als Student im Sinne seines Elternhauses gedacht und sich erst später vom „Nazi-Gedankgut“ befreit zu haben. Den Satz „Unsere Ehre heißt Treue“ drehte er um in den Satz: „Aber meine Ehre heißt Wahrheit.“

Nach der Rede von Haas gab es unter den Ehrengästen Irritation, aber auch Begeisterung und viel Applaus. Heute kommt es beim steirischen herbst zu einer Art Bestandsaufnahme. Und da geht es um die grundsätzlichen Fragen zur Selbstverortung von Kunst und Gesellschaft. Wo stehen wir eigentlich? Was hat zu dieser Gegenwart geführt? Und mit welchen Mitteln wollen wir unseren Platz in der Welt und die Wege, die wir zukünftig einschlagen, überhaupt bestimmen? Oder: „Where Are We Now?”

„,Where Are We Now?´ – ein später Song von David Bowie und eine Frage, die mich seit vielen Jahren permanent begleitet, quasi ein Arbeitsinstrument. Man kann diese Frage nicht stellen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was hinter uns liegt und wie wir an diesem Punkt gelandet sind – oder wie es denn weitergehen könnte, künstlerisch und politisch”, so die Intendantin Veronica Kaup-Hasler zum diesjährigen Leitmotiv.

Der Abend wird von der dänischen Choreografin Mette Ingvartsen mit ihrer Uraufführung „to come (extended)” gestaltet. Das Festivalzentrum, Herzstück des 50. steirischen herbst, befindet sich heuer im Palais Attems, von wo aus das Festival seit 1985 konzipiert, geplant und geleitet wird. Zwischen Palais und Mursteg baut die Grazer Architektengruppe Studio Magic ihre raumgreifende Installation „Transegrity” auf. Der Innenhof wird mit einer temporären Überdachung des Architekten Thomas Herzig zum zentralen Veranstaltungsort.

Am Samstag und Sonntag des bevorstehenden Eröffnungswochenendes gibt es den traditionellen Reigen der Ausstellungseröffnungen. Die diesjährige herbst-Ausstellung „Prometheus Unbound” ist in der Neuen Galerie angesiedelt. In der von Luigi Fassi kuratierten Schau reflektieren Künstlerinnen und Künstler über diesen „Kulturbringer”, der als Urheber der Zivilisation gilt. Im GrazMuseum wird die große Jubiläumsschau „Diese Wildnis hat Kultur – 50 x steirischer herbst”, gezeigt, die die reiche Festivalgeschichte Revue passieren lässt.

Zusammen mit dem Literaturhaus Graz wird am Sonntag des Eröffnungswochenendes, 24/09 um 11.00, zu einer Matinee ins Festivalzentrum geladen: „Wir Kinder der Toten” ist die Vorhut zur zentralen Großproduktion dieses steirischen herbst, die am 30. September in Neuberg an der Mürz ihren Auftakt erlebt: „Die Kinder der Toten”. Das Nature Theater of Oklahoma wagt das Unmögliche, eine Verfilmung von Elfriede Jelineks gleichnamigen Roman an den Originalschauplätzen. Die Dreharbeiten zu der sehr freien filmischen Adaption dieses Gespensterromans, in dem die Nobelpreisträgerin sprachgewaltig mit untoten Österreich-Klischees und nationalem Pathos aufräumt, sind gleichzeitig eine Live-Performance. Das Publikum kann zusehen, und vor allem: teilnehmen!

Informationen und Karten:
www.steirischerherbst.at