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Fotos: Adlmann Promotions/ Sepp Pail, Adlmann Promotions/Carsten Klick

Musikwissenschaftlerin Eva-Maria Hois: „Der Herr Gabalier ist ein Geschäftsmann.“

Musikwissenschaftlerin Eva-Maria Hois: „Der Herr Gabalier ist ein Geschäftsmann.“

80.000 Fans am Hockenheimring, 140.000 im Münchner Olympiastadion, 35.000 in Berlin, 32.000 in der Wiener Stadthalle, 30.000 in Schladming, 800.000 Freunde auf Facebook, 6 Millionen verkaufte Tonträger innerhalb weniger Jahre, … Das sind nur einige der Superlativen. Wie geht das?

80.000 Fans am Hockenheimring, 140.000 im Münchner Olympiastadion, 35.000 in Berlin, 32.000 in der Wiener Stadthalle, 30.000 in Schladming, 800.000 Freunde auf Facebook, 6 Millionen verkaufte Tonträger innerhalb weniger Jahre, … Das sind nur einige der Superlativen. Wie geht das?

Lederhose und Schneuztüchel - optische Versatzstücke mit Heimatbezug

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Unplugged-Auftritte sind meist nur Superstars vorbehalten.

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„Ein Volks Rock‘n Roller ohne Volksmusik“

Mittwoch, 06. Dezember 2017

Eine Studie über Andreas Gabalier

Mit seinen unglaublichen Erfolgen im deutschsprachigen Musikgeschäft interessiert Mega-Star Andreas Gabalier längst auch schon die Musikwissenschaftler – nicht nur in Österreich. „Positionen zur Rolle alpiner Musiktraditionen in einer globalisierten Welt“ nennt sich das jüngst erschienene Buch.

Die Studie mit dem sperrigen Titel ist das Ergebnis des Symposiums zur Volksmusikforschung und -praxis im Herbst 2015 in Graz. Erschienen sind die Tagungsbeiträge im „Verlag Steirisches Volksliedwerk“. Mit dem „Traditionalismus und der Globalität bei Andreas Gabalier“ („Das Rehlein und der Mountain Man“) beschäftigen sich darin die Musikwissenschaftlerin Eva-Maria Hois (Graz) und Michael Weber (Wien).

Im KLIPP-Gespräch sagt Eva-Maria Hois: „Interessant ist dabei auch, mit welchem optischen Versatzstücken Gabalier auftritt. Die sind national aufgeladen. Wenn man in der Lederhose auftritt und mit einem kartierten Schneuztüchl, dann heißt das: I bin heimatverbunden.“

„Und Gabalier singt und spricht darüber. Doch die Assoziation hin zur Volksmusik kommt in seiner Musik gar nicht vor. Es sind keine alpenländischen Melodien. Nur weil er Jodler-Silben verwendet, heißt das noch lange nicht, dass das ein Jodler ist. Die für eine Volksmusik typische Dreigangszerlegung und der registerwechselnde Gesang fehlen überhaupt.“

Mit ein wenig Koketterie: „Die Volksmusik wird keinen Schaden nehmen am Herrn Gabalier“, will Eva-Maria Hois die Erfolge des heimischen Superstars aber nicht schmälern. „Schon seit 100 Jahren kommen das Alpenglühen, die Dirndl, die Lederhose, die Werte Freundschaft, Treue, Kameradschaft, die Großmutter, die heile Welt von früher, das Rehlein und was es sonst noch alles gibt in Texten und Melodien vor.“ Das habe schon immer funktioniert, sei gut angekommen und Gabalier greife in diesen Topf. Auch wenn alpenländische Volksmusik etwas anderes sei.

„Die Hauptintention hinter dem Symposium war und ist es, Akteure aus (Musik-)Wissenschaft, Musikpraxis und -pflege zusammen zu bringen und so den Dialog all jener zu fördern, die sich mit alpinen Musiktraditionen bzw. Volksmusik auseinandersetzen“, beschreiben die Herausgeber den zentralen Beweggrund.

Der Begriff Volksmusik wurde im Laufe der Geschichte und von verschiedenen Seiten sehr verschiedenartig verwendet und teilweise auch stark ideologisch aufgeladen. Deshalb entschieden sich die Verantwortlichen im Rahmen der Tagung für die Verwendung des weniger ideologisch besetzten Überbegriffes „Alpine Musiktraditionen“.

Michael Weber und Eva-Maria Hois in dem jüngst erschienenen Buch (Seite 72): „Warum sich dieser immer wieder auf Volksmusik beruft, obwohl seine Musik mit dieser gar nichts zu tun hat, könnte daran liegen, dass der unscharfe Volkslied-Begriff mit Werten aufgeladen ist, die er in seinen Liedertexten wie auch in Interviews vertritt und die er sich geschickt zunutze macht.“

„Darüber schrieb Gerlinde Haid (zum Begriff des ,authentischen Volksgesanges‘) schon einige Jahre vor dem Phänomen Andreas Gabalier in anderem Zusammenhang: Der Volksliedbegriff ist aufgeladen mit ästhetischen Werten, denn das natürlich, quasi gewachsene kann nicht anders als schön sein.
Dann mit ethischen, denn das, was die Wirklichkeit spielt, kann nicht anders als gut sein.
Dann mit moralischen, denn das, was von der Basis kommt, kann nichts anderes sein als die Grundlage unserer Kultur.
Dann mit politischen, denn das, was die Wähler betrifft, bestimmt das Wahlverhalten.
Und schließlich mit einem Warenwert, denn was die Heimat betrifft, kaufen die Touristen, und was den Geschmack der vielen trifft, gibt Einschaltziffern in den Medien. Deswegen wird das Etikett ,Volkslied‘ oder ,Volksmusik‘ in der Öffentlichkeit ständig musikalischen Produktionen angeheftet, die mit dieser Gattung irgendetwas zu tun haben könnten.“

Der Mountain Man und Volks Rock’n Roller polarisiert und provoziert gerne – Kritiker bezeichnen ihn sogar als „Rebell der Volksmusikbranche“ –, was zu medialen Scharmützeln führt und ihm Aufmerksamkeit bringt. Gabalier selbst dazu: „Der Mountain Man ist natürlich wieder mit einem Augenzwinkern zu sehen. Er soll polarisieren, Aufmerksamkeit schaffen. Also wer den ernst nimmt und denkt, dass ich mich wirklich als Superheld sehe, der tut mir leid.“

Abschließend eine Text-Kostprobe aus dem Album „A Meinung haben“:

Wos is des bloß,
wo kummt des her
neue Zeit, neues Land
wo führt des hin?

Wie kann des sein
Dass a poar Leut,
glauben zu wissen,
wos a Land so wü
is des der Sinne einer Demokratie?

Dass ana wos sogt und die andern san stü
A Meinung ham, dahinter stehn;
den Weg vom Anfang zu Ende gehen;
wenn sei muaß ganz allan,
do oben stehn.

A Meinung ham, dahinter stehn;
Heute so, mit felsenfester Meinung,
doch wenns ned aufgeht
is morgen kana do
doch irgendwann kummt dann der Punkt
wo’s am reicht, dann wird’s z’vü
dann schauns die an, mit ganz großen Augen
wenn ana aufsteht und sagt was er si denkt.

A Meinung ham, dahinter stehn;
den Weg vom Anfang zu Ende gehen;
wenn sei muaß ganz allan,
do oben stehn
A Meinung ham, dahinter stehn;

Die Welt mit eigenen Augen sehn
Ned ollas glauben wos a poar so red’n
A Meinung ham, dahinter stehn;
A Meinung ham, dahinter stehn;
den Weg vom Anfang zu Ende gehen;

wenn sei muaß ganz allan,
do oben stehn
A Meinung ham, dahinter stehn;
Die Welt mit eigenen Augen sehn
Ned ollas glauben wos a poar so red’n

A Meinung ham, dahinter stehn;
Die Welt mit eigenen Augen sehn
Ned ollas glauben wos a poar so red’n
A Meinung ham, dahinter stehn

Siehe auch Geschichte in der aktuellen KLIPP-Ausgabe (ab Seite 8):
http://www.klippmagazin.at/aktuelle/