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Peter Rosegger an seinem Schreibtisch Fotograf: F.J. Böhm, undatiert, Universalmuseum Joanneum, Multimediale Sammlungen

Das Geburtshaus von Peter Rosegger. Foto: Karlheinz Wirnsberger

Das Geburtshaus von Peter Rosegger. Foto: Karlheinz Wirnsberger

Peter Rosegger, stehend mit Hut und Stock
Fotograf: F. J. Böhm, um 1912, Universalmuseum Joanneum, Multimediale Sammlungen

Peter Rosegger, stehend mit Hut und Stock Fotograf: F. J. Böhm, um 1912, Universalmuseum Joanneum, Multimediale Sammlungen

So schrieb Rosegger etwa 1885 im „Heimgarten“, dass ihm der Jude … zu zynisch und großmäulig, zu frech, zudringlich, im Allgemeinen zu gewinnsüchtig … sei. Er bekannte sich zu einem „vernünftigen Antisemitismus“, den er aus einer unreflektierten vorurteilshaften Aufzählung angeblicher jüdischer Laster ableiten zu können glaubte. Andererseits hatte er mit Antisemiten radikaler Prägung nichts gemeinsam: „Rassenhass ist nicht menschlich.“

So schrieb Rosegger etwa 1885 im „Heimgarten“, dass ihm der Jude … zu zynisch und großmäulig, zu frech, zudringlich, im Allgemeinen zu gewinnsüchtig … sei. Er bekannte sich zu einem „vernünftigen Antisemitismus“, den er aus einer unreflektierten vorurteilshaften Aufzählung angeblicher jüdischer Laster ableiten zu können glaubte. Andererseits hatte er mit Antisemiten radikaler Prägung nichts gemeinsam: „Rassenhass ist nicht menschlich.“

Peter Rosegger, 
ca. 1900, Foto: F.J. Böhm, 
© Rosegger-Museum Krieglach

Peter Rosegger, ca. 1900, Foto: F.J. Böhm, © Rosegger-Museum Krieglach

Es dämmert in der Waldheimat

Sonntag, 04. Februar 2018

2018 ist durch den 100. Todestag ein Peter-Rosegger-Gedenkjahr. Vom Waldbauernbub zum gefeierten Heimatdichter und „Herrenmenschen-Verfechter“. Wird der verklärte Blick auf die Legende entrümpelt? Zum feierlichen Auftakt des Rosegger-Gedenkjahres kommt es am Mittwoch, den 7. Februar, in der Aula der Alten Universität Graz.

Der steirische Heimatdichter (1843 – 1918) lebte nicht nur in der heilen Welt, die er in seinen Romanen schilderte. In der Zeit der Monarchie und des Ersten Weltkriegs entwickelte er auch einen Hang zu Deutschnationalem und judenfeindlichen, antisemitischen Ausfällen. Es war daher kein Zufall, dass Peter Rosegger in der Nazi-Ära der meist gefeierte Schriftsteller war. Dieser unbekannte Rosegger wird bis heute verdrängt. Im heurigen Gedenkjahr wollen die Verantwortlichen ein Rosegger-Bild auch aus anderen Blickwinkeln zeigen.

Peter Rosegger sei immer wieder von verschiedenen Gruppen vereinnahmt worden, startet Prof. Gerald Schöpfer, verantwortlich für die Rosegger-Ausstellung im Museum Graz, den Versuch einer entschuldigenden Erklärung. Was zutreffend ist, doch der „steirische Mythos“ und „Schriftheilige“ hat selbst mit seinen widersprüchlichen Äußerungen in seinen Schriften dazu beigetragen.

Der Mut zur Aufklärung und Entrümpelung der Legende von offizieller Seite ist enden wollend. In aktuellen Texten wird er sogar zum „Universalgenie“ hoch stilisiert. Wolfgang Hölzl, der heutige Leiter des Leykam Verlags, unternahm bereits Anfang der 1990er-Jahre in seiner Dissertation „Der Großdeutsche Bekenner – Nationale und Nationalsozialistische Rosegger-Rezeption“ den Versuch einer kritischen, zeitgemäßen Auseinandersetzung mit dem Werk des steirischen Heimatdichters (Klipp, Mai 1993).

Das Bild von ihm ist bis heute dennoch ein verklärtes. Peter Rosegger steht für den sprichwörtlichen Waldbauernbuben, der in die große weite Welt hinaus geht. Man kennt vielleicht einige kurze Geschichten von ihm, aber schon seine Romane – wie der seinerzeit meist gelesene „Waldschulmeister“ oder „Heim zur Scholle“, sowie sein bedeutendster „Jakob der Letzte“ – sind kaum noch gefragt. Die Rosegger-Heimat, das Alpl, wird über Schulausflüge bis heute als Inbegriff heimatlicher Idylle vermittelt. Fernsehfilme zeichnen immer wieder das Bild des rechten Weges in einer apolitischen und heilen Welt.

Schon zu Lebzeiten im deutschsprachigen Raum der Monarchie so etwas wie ein „Nationalheiliger“, ist Peter Rosegger bis heute sicher der erfolgreichste steirische Dichter und Schriftsteller. Er inszenierte sich selbst. Mit rund 3,5 Millionen verkauften Büchern zu Lebzeiten, die in 22 Sprachen übersetzt wurden, war er so etwas wie ein Medienstar. Seine Werke wurden nach Ende des Ersten Weltkrieges gleichsam zur Pflichtlektüre in den Schulen und vor allem im ländlichen Raum. Tausende waren seinem Sarg beim Begräbnis am 26. Juni 1918 in Krieglach gefolgt. Sie trauerten um den Volksschriftsteller, den Waldbauernbuben, einem steirischen Mythos. Drei Ehrendoktorate erhielt er zu Lebzeiten – und zwar von den Universitäten Heidelberg, Wien und Graz. Zum Projekt der Verehrung wurde Peter Rosegger, weil er im Mai 1909 einen Spendenaufruft für den rechtsnationalen und konservativen „Deutschen Schulverein“ initiierte. Unter dem Motto „2.000 Kronen = 2 Millionen“ richtete der Dichter im „Neuen Wiener Tagblatt“ und im „Heimgarten“ an seine „Volksgenossen“ einen Aufruf zu einer großen gegenseitigen, nationalen Spende für deutsche Schulen an den Sprachgrenzen. Tausende Spender wurden gesucht, die bereit waren, je 2.000 Goldkronen zu spenden. Die Sammlung wurde ein voller Erfolg. Es kamen sogar drei Millionen Österreichische Kronen zusammen. In Roseggers Namen entfaltete sich aber eine aggressive, deutschnationale Propaganda. Diese dokumentiert auch die Nationalitäten-Konflikte in der Monarchie, zu denen Rosegger immer wieder überraschend aktuell Stellung genommen hat:

„Man kennt sie ja gar nicht auseinander! Die Leute verschiedener Nationalitäten, die in unserem Lande seit Jahrhunderten nebeneinander wohnen und alteingesessenes Heimatrecht haben – sie sind ja alle gleich. Nein, gleich nicht. Der Rang unterscheidet. Die Kaste unterscheidet. Die Bildungsunterschiede sind groß. Die Klassen unterscheiden weit mehr als die Rassen, die sich längst gemischt haben. Ein deutscher Bauer und sein Nachbar, der windische Bauer, stehen sich näher als ein deutscher Bauer und ein deutscher Großstädter.“

Die Ausschlachtung seines Sammel-Aufrufs und seiner Aktion sollten in den Jahren danach in fast keiner völkisch-nationalen Würdigung mehr fehlen. Rosegger wurde zum „Retter aus nationaler Not“.

Als er 1913 für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen wurde, diesen aber nicht bekam, machten die Grazer Gemeindeväter aus ihrem Herzen keine Mördergrube. Man entrüstete sich über ein Telegramm des Tschechischen Kulturverbandes an die Schwedische Akademie. Dieses zeige die „heimtückischen und charakterlosen Winkelzüge der Tschechen und Südslawen, die eines Kulturvolkes, was sie doch sein wollen, unwürdig sind.“ Peter Rosegger wurde zum Ehrenbürger der Stadt Graz ernannt.

Der 70-Jährige mit feinsinnigem Humor: „Es ist verdammt hart, ein Heimatdichter zu sein. Noch härter aber ist es, einer gewesen zu sein. Je berühmter man war, desto mehr Leute berufen sich auf einen – ob man damit einverstanden ist oder nicht.“

Dass Rosegger zum Vorbild und Prototyp des völkisch-wachen Grenzland-Deutschen stilisiert wurde, hat seine Gründe einerseits in seiner „agrarisch-konservativen Weltanschauung“. Die Abwanderung der bäuerlichen Bevölkerung in die Städte verachtete er. Roseggers Wertewelt kam zunächst den Deutschnationalen und später den Nationalsozialisten entgegen. Gerne nahmen sie auch seine Aussagen in ihre Argumentation auf, wie zum Beispiel: „Meine Meinung ist, dass die Herbeiziehung fremdvölkischer Arbeiter die größte Gefahr für das deutsche Volkstum bedeutet.“ Rosegger ironisch: „Habe ich denn etwas Neues gesagt?“

In seinem Roman „Heim zur Scholle“ schreibt Rosegger: „Auch den Bauern erfasst die höllische Großmannsucht, die so viele sonst gutartige Menschen blind, dumm und schlecht macht; er will höher hinauf, will studieren, will was probieren in der weiten Welt …“ An anderer Stelle schreibt Rosegger: „Die Herrenmenschen der Germanen haben es viel mehr vorgezogen in Bergschlössern und Einzelhöfen zu wohnen …“

Literaturforscher sehen in Peter Rosegger einen widersprüchlichen Denker und Dichter seiner Zeit, der eine idyllische, heile Romanwelt gebar, sich zugleich aber zu nationalen und antisemitischen Ausfällen in von ihm herausgegeben „Heimgarten“ hinreißen ließ. So schrieb Rosegger etwa 1885 im „Heimgarten“, dass ihm der Jude … zu zynisch und großmäulig, zu frech, zudringlich, im Allgemeinen zu gewinnsüchtig … sei. Er bekannte sich zu einem „vernünftigen Antisemitismus“, den er aus einer unreflektierten vorurteilshaften Aufzählung angeblicher jüdischer Laster ableiten zu können glaubte. Andererseits hatte er mit Antisemiten radikaler Prägung nichts gemeinsam: „Rassenhass ist nicht menschlich.“

Zeitlebens glaubte Peter Rosegger ebenso an die Weltmission der Deutschen als Träger der Menschlichkeit. Diese idealistische Schwärmerei vom Deutschtum als dem besseren Menschentum drückte sich auch in nationalen Gedichten aus: „Behüte Gott das deutsche Volk in seiner Ehre und stolzen Kraft. Behüte Gott in seiner weisen, treuen Volksbürgerschaft. Das deutsche Volk, behüte es Gott, bis es in der Vollendung Licht, den Ölzweig wahrer Menschlichkeit, erlösend um den Erdball flicht.“

Überzeugt war Rosegger auch von der Überlegenheit der deutschen Tüchtigkeit, der deutschen Zivilisations- und Kulturarbeit. So darf es nicht verwundern, dass Peter Rosegger noch heute vielen Menschen unterschiedlichster Gesinnung als geistiges Körnerfutter und als ideologischer Selbstbedienungsladen dient.

www.peter-rosegger.at