Buchpräsentation im Lantag / "Orte und Zeichen der Erinnerung"

Fotos: Landtag Steiermark/Frankl

Georg Rigerl, Michael Schickhofer, Bettina Vollath, Gerald Lamprecht, Hermann Schützenhöfer und Heimo Halbrainer

Georg Rigerl, Michael Schickhofer, Bettina Vollath, Gerald Lamprecht, Hermann Schützenhöfer und Heimo Halbrainer

Buchpräsentation im Lantag / "Orte und Zeichen der Erinnerung"

Landtagspräsidentin und Initiatorin des Buchprojektes Bettina Vollath

Landtagspräsidentin und Initiatorin des Buchprojektes Bettina Vollath

Buchpräsentation im Lantag / "Orte und Zeichen der Erinnerung"

Opfer-Mythos aufarbeiten: 12. März 1938 – Anschluss

Mittwoch, 14. März 2018

Der 12. März 1938 – der Tag des Anschlusses an Nazi-Deutschland und damit das Ende von Österreich als eigenständiger Staat – ist in diesen Tagen ein allgegenwärtiges, aktuelles Thema. Dieser wird generell als dunkelste Epoche unserer bisherigen Geschichte gezeichnet. Auch die Eröffnung der Diagonale am Dienstag in der List-Halle stand im Zeichen von 1938.

Einen Anlass zur Erinnerung gab es am Montag im Steiermärkischen Landtag. Dort präsentierten drei Autoren Heimo Halbrainer, Gerald Lamprecht und Georg Rigerl ihr Buch „ Orte und Zeichen der Erinnerung – Erinnerungszeichen für die Opfer von Nationalsozialismus und Krieg in der Steiermark“. Dies dokumentiert auf 400 Seiten erstmals vollständig die vielfältigen Erinnerungszeichen für die Opfer von Nationalsozialismus und an den Krieg in der Steiermark. Es würdigt damit die Opfer und hält die Erinnerung an sie wach. Außerdem zeigt es die vielfältigen gesellschaftlichen und politischen Wandlungen im Umgang mit dem Nationalsozialismus und seinem Erbe seit dem Ende des nationalsozialistischen Unrechtsregimes auf. Auftraggeber für das Buch war mit einstimmigen Beschluss der Steiermärkische Landtag.

„Diktatur, Willkür, Verfolgung und Krieg bestimmten die folgenden Jahre und erschütterten die Gesellschaft in einem bis dahin noch nie dagewesen Ausmaß“, stellte Landtagspräsidentin und Initiatorin des Buchprojektes Bettina Vollath diese Tatsache an den Anfang ihrer Rede im Landtag. „Das, was in den nur sieben Jahren ab 1938 folgte, war für die breite Bevölkerung zu dieser Zeit nicht absehbar. Im Gegenteil: die große Mehrheit der Menschen verband den sogenannten Anschluss mit der Hoffnung auf bessere Zeiten. Es ist den negativen Erfahrungen der zwei Jahrzehnte davor gegründeten Ersten Republik geschuldet, dass die Bereitschaft zum ,Anschluss‘ bei sehr vielen überaus groß, ja, dass der Anschluss mehrheitsfähig war. In diesen März-Tagen des Jahres 1938 empfand sich die breite Masse der Bevölkerung in Österreich nicht als Opfer.

„Wir kennen die Bilder der Menschenmassen, die Hitler am Heldenplatz zujubelten, alle von Fotos und aus Filmen von Zeitzeugen. Und wir wissen, dass die massive Mehrheit in der mit allen Mitteln der Propaganda vorbereiteten folgenden Abstimmung nicht rein organisiert und konstruiert war. Der ,Anschluss‘ traf auch deshalb auf wenig Widerstand, weil kaum jemand den Verheißungen des ,Anschlusses‘ widerstehen wollte. Und jene, die dagegen waren, wurden zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr gehört. Dass Österreich das ,erste Opfer des Nationalsozialismus‘ sei, war im März 1938 kein Thema – weil dieser Mythos noch nicht erfunden war.“

„Obwohl die Repressionen gegen politische Gegner und die Entrechtung der jüdischen Österreicherinnen und Österreicher unmittelbar nach dem Anschluss begannen – der erste große Transport nach Dachau erfolgte bereits im April – waren die großen Opfer, die der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg fordern würden, für die breite Bevölkerung nicht absehbar.“

„Die Mehrheit, daran müssen wir heute ganz klar erinnern, hatte mit dem ,Anschluss‘ im März 1938 kein Problem. Wenn wir dies heute klar konstatieren, hat dies Aussagekraft. Denn: Wie und woran sich eine Gesellschaft erinnert bzw. sich erinnern will, sagt viel über diese Gesellschaft und die jeweilige Zeit aus. Genau dieser Wandel von Erinnerung im Laufe der Jahrzehnte war einer der Ursprungsgedanken, der zu dem Gedenkbuch führte.“

Diagonale: Brisante Premiere
„Murer – Anatomie eines Prozesses“, heißt der Gerichtsfilm über Franz Murer. Dieser, ein angesehener, steirischer Lokalpolitiker, wurde erst 1963 auf die juristische Intervention von Simon Wiesenthal hin in Österreich vor Gericht gestellt. Überlebende der Shoa reisten an, um auszusagen und Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens. Trotz der erdrückenden Beweislage endete der Prozess mit einem Skandal-Urteil: Freispruch. Der Film zeigt, dass diese düstere Zeit unserer Republik noch nicht gründlich aufgearbeitet ist. Immer wieder stößt man darauf, dass Nazi-Gedankengut noch vorhanden ist und dass Verharmlosungen stattfinden. Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer regte daher bei der Eröffnung der Diagonale an, dass sich eine überparteiliche, internationale Kommission damit beschäftigen soll, die Vergangenheit unserer Republik, der Parteien und Institutionen aufzuarbeiten. „Es braucht eine lückenlose Aufklärung der Vergangenheit – auch darüber, was seit Ende des Zweiten Weltkrieges in der Gesellschaft und in Institutionen vorgefallen ist – damit wir uns mit aller Kraft der Zukunft zuwenden können.“