kl LKH-Wach-OP-PK_-13_web

Auf dem Bildschirm ein Video der Patientin Sofia Pinaeva mit Querflöte bei der Gehirn-OP

Patientin spielte Querflöte bei Gehirn-OP

Donnerstag, 28. Juni 2018

Stellen Sie sich vor, eine Flötistin spielt, während sie an einem Gehirntumor mit offener Schädeldecke operiert wird, Mozart. Ein experimentelles zeitgenössisches Kunstprojekt der schrägen Art ?

Der Querflötistin und Fotografin Sofia Pinaeva aus Moskau stammend wurde vor einem Jahr bei Bewusstsein ein Teil des Gehirntumors entfernt. „Diese OP-Methode fand ich spannend und ich war neugierig. Alle um mich herum schienen aufgeregter als ich selbst“, so die Flötistin. „Jetzt kann ich genauso wie vorher spielen.“ Pinaeva spielte Mozart und Bach. „Als Russin spielte ich natürlich auch ein Stück eines russischen Komponisten – Prokofiev.“

Im LKH Graz wurden in den letzten 6 Jahren insgesamt 100 Wach-OPs durchgeführt.  Pinaeva ist die erste Patientin, die dabei Querflöte spielte. Um sicher zu gehen, dass alles gut verlaufen ist, ging man erst ein Jahr nach der OP an die Öffentlichkeit.

„Wach-Ops sind eine mittlerweile international etablierte Methode mit besten Ergebnissen“, gibt Michael Mokry, Vorstand der Univ.-Klinik Graz für Neurologie, im LKH vor Journalisten zu verstehen. “ Wenn wir operieren verletzen wir natürlich. Heute wird mit einer optimalen Schonung der Funktion operiert.“ Mit einer Elektrode mit geringen Strommengen werden die Areale des Tumors abgetastet, um Stellen zu lokalisieren, die Funktionen kurz ausschalten. Diese müssen geschont werden. Ein Teil des Tumors mußte von daher erhalten bleiben. „Als Musikerin und Fotografin ist bei Frau Pinaeva die Funktion des Sehens (für das Noten lesen, Fotografieren) und das Fühlen (für das Spielen des Instrumentes) wichtig“, erklärt Gord von Campe“, Leiter des Wach-OP-Teams.

Der Vorteil einer Wach-OP laut Mokry: „Das Gehirn selbst ist schmerzunempfindlich. Wir können in Echtzeit eine Reaktion vom Patienten bekommen und müssen uns nicht an Messergebnissen orientieren. Der Patient wird zum aktiven Team-Mitglied und erholt sich schneller als nach einer OP mit Narkose.“

„Schon fünf Tage nach der OP habe ich ein Gartenfest organisiert“, so Pinaeva.

„Die Vorstellung, im Wachszustand operiert zu werden, ist für Patienten belastend. Daher sind Vorgespräche wichtig und die Betreuung durch einen medizinischen Psychologen“, betont Mokry. Zu der am wichtigsten zu prüfenden Funktion sei neben dem Sehen, Fühlen und der Feinmotorik die Sprachfähigkeit. „Über Monitor werden Bilder eingeblendet z.B. ein Baum, Bett oder eine Blume, die der Patient während dem Abtasten erkennen und benennen muss“, so Karla Zaar, Neuropsychologin der Univ.-Klinik für Neurochirurgie.

Laut Campe dauerte die OP inklusive Vorbereitungen etwa sechs Stunden. Davon war die Patientin eineinhalb Stunden in der Wachphase. „Die Patientin erhält zu Beginn eine intervenöse Spritze und schläft abrupt ein. In dieser Zeit erfolgt ein Hautschnitt, die Hirnhaut bzw. die Schädeldecke wird geöffnet. In der schnell herbeigeführten Wachphase tasten wir die Areale ab und operieren. Am Ende gibt es wieder eine kurze Schlafphase zur Erholung“, erzählt von Campe.

Gehirntumore sind laut Morky keine häufigen Erkrankungen (Statistik: einer von 100.000 erkrankt an einem Gehirntumor). „In 2017 hatten wir 18 Wach-OPs. Heuer hatten wir bereits bis Mitte des Jahres 18 Wach-Ops. Die Tendenz ist steigend. Das Beispiel von Pinaeva wird vielen Mut machen, sich für eine Wach-OP zu entscheiden“, Mokry abschließend.