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Genug der Rosegger-Jubiläen

Donnerstag, 09. August 2018

Dafür wäre mehr Erzherzog Johann angebracht

Der 100. Todestag Peter Roseggers und das 175. Jubiläum seines Geburtstages sind Anlass für ein Rosegger-Jahr. Der „Steiermark Report“, das offizielle Organ des Landes, vermeldet sogar: „Peter Rosegger war ein literarisches Universalgenie.“ Eine Behauptung, weit weg von der Wirklichkeit.

Seit 1951 wird der Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark im Gedenken an Peter Rosegger vergeben. 2011 richtete das Land Steiermark den Preis neu aus. Von dort an wird er im Dreijahres-Rhythmus für ein gelungenes literarisches Debüt vergeben und ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Preisträger waren 2012 Max Höfler, 2015 Valerie Fritsch und 2018 Fiston Mwanza Mujila. Er lebt seit 2009 in Graz. Es ist davon auszugehen, dass etliche der Preisträger sich nie ernsthaft und tiefschürfend mit dem Werk Peter Roseggers auseinandergesetzt haben. Mittlerweile ist ja historisch belegt, dass unter den früheren Preisträgern leider auch hochrangige Nazi-Literaten waren.

„Der Ruhm des schon seit Jahrzehnten wenig gelesenen Peter Rosegger ist nicht, wie sonst bei großen Söhnen und Töchtern, ein Widerhall überregionaler Anerkennung, sondern wird durch laut ausgerufene Jubiläumsjahre ausschließlich im eigenen Land produziert“, kommentiert Otto Hochreiter, Direktor des GrazMuseum und Stadtarchivs, das Getöse um Rosegger (Magazin „grazkunst“ 01.2018).

Zu den Grundregeln jedes dieser Rosegger-Jubiläen gehört, dass störende Stimmen wenig willkommen sind. Wie zum Beispiel Rosegger-Forscher Karl Wagner, der bereits 1991 in seinem Buch „Die literarische Öffentlichkeit der Provinzliteratur“ das Phänomen Rosegger analysierte.

Die offizielle Steiermark bemüht sich – moderiert vom Hobby-Historiker und Rosegger-Fan Gerald Schöpfer –, dass Peter Rosegger mittlerweile als die einzige identitätsstiftende Figur – „Lichtfigur“ – der Steiermark dargestellt wird.

Die „Salzburger Nachrichten“ sprechen in einer Ausstellungskritik (17. Februar 2018) davon, dass die „fragwürdigen Seiten des Heimatdichters nur in homöopathischen Dosen“ vorkämen. Gedenkjahr-Kurator Gerald Schöpfer reagierte in einem Leserbrief so: Einerseits gäbe es die „Denkmal-Stürzer, die Rosegger als NS-Vorläufer verteufeln“ und „andererseits gibt es Rosegger-Begeisterte, die ihn als zeitlosen, alpenländischen Geistes-Giganten hoch stilisieren, der für jede Frage der Gegenwart eine passende Antwort parat hat.“

Diskussionen über den Antisemiten Peter Rosegger münden zumeist in der Formel, er sei ein „Kind seiner Zeit“ gewesen. „Aber Kinder der Zeit schwimmen eben im Zeitgeist mit und fallen dann dem Vergessen anheim, weil ihr Licht zumeist nur für ihre Epoche reicht und sie selten voraus geleuchtet haben“, schreibt Otto Hochreiter („grazkunst“ 01.2018). Sagt man von Grillparzer, Lenau, Stifter, von Büchner, Heine, Hebbel oder Fontane sie wären „Kinder ihrer Zeit“ gewesen? Das Licht von Peter Rosegger – obwohl er mit Millionen verkaufter Exemplare zur Jahrhundertwende im ganzen deutschen Sprachraum und durch viele Übersetzungen weit darüber hinaus einst sehr berühmt war – reicht heute gerade noch für sein Heimatland, die Steiermark, die es heftig zu verstärken versucht. Damit ist Peter Rosegger – ganz ohne steirischen Eigensinn betrachtet – heute kein international beachteter Schriftsteller mehr.

Mythos über vorenthaltenen Nobelpreis enttarnt

Ein sachlicher Zugang findet sich in Hans-Peter Weingands Buch „Der unbekannte Peter Rosegger“, Clio Verlag Graz. Er enttarnt den größten Mythos, der über Rosegger seit Jahrzehnten durch die Publikationen geistert. Richtig ist, dass Peter Rosegger 1913, wie 28 andere Schriftsteller, für den Nobelpreis nominiert war. Falsch ist, dass er diesen nur deshalb nicht erhielt, weil die Tschechen wegen seiner nationalen Deutsch-Frömmelei beim Komitee des Nobelpreises intervenierten. „Die Protokolle und der Schriftverkehr aus den Archiven des Nobelpreis-Komitees belegen“, so Weingand, „dass Rosegger zu diesem Zeitpunkt schon längst aus dem Rennen war.“ Er war also nie ein Favorit – eine Fake-Historie.

Weingand arbeitet auch heraus, dass nicht die nationale Haltung und Einstellung Peter Roseggers ihn so umstritten machte, sondern seine klar formulierte Geringschätzung anderer Volksgruppen – wie Slawen, Russen, Slowenen. So schreibt er über Letztere: Dass sich diese „wie Ratten stetig weiter ins deutsche Land herein nagen und herein fressen“.

„Kann die tiefe Verehrung der Nationalsozialisten von Peter Rosegger lediglich als ein großes Missverständnis hingestellt werden?“, fragt Otto Hochreiter in seinem Bericht im Magazin „grazkunst“. Seine Antwort: „Wohl nur sehr eingeschränkt, wenn man manche seiner Auslassungen liest: ,Ich hasse die Geld- und Schacherjuden (…) ich hasse die Zeitungsjuden (…), welche nebstbei die Presse dazu benützen, um ihren giftigen Zynismus ins Volk zu spritzen. Doppelt und dreifach hasse ich sie, weil sie auch die Christen ,verjudet‘ haben.“ Hochreiters Schlussfolgerung: „Peter Rosegger ist – ganz ohne steirischen Eigensinn betrachtet – keine große Lichtfigur, sondern nur ein kleiner Sohn unseres Landes, eben ein ,Kind seiner Zeit“.

Dabei hat die Steiermark mit Erzherzog Johann eine wirklich große, identitätsstiftende Persönlichkeit. Er war ein Aufklärer und kein Anti-Aufklärer wie Peter Rosegger. Aber in den vielen aktuellen Dauerausstellungen des Universalmuseum Joanneum sucht man heute seine Bedeutung für die Steiermark vergeblich. Dafür gibt es zwei Rosegger-Gedenkstätten im Verband des Universalmuseum Joanneum.

Kein einziger Gedanke des Aufklärers Erzherzog Johann war für die Gesellschaft seiner Zeit und die künftigen Generationen schädlich, keine Äußerung hat sich gegen den Menschen und seine Würde gerichtet – ganz im Gegenteil: Mit seiner Humanität und Toleranz, mit seinem tatkräftigen Fortschrittssinn ist er die „Lichtfigur“ der steirischen Geschichte.

Peter Rosegger hingegen hat sich vom zunächst durchaus noch liberalen gedankenorientierten Publizisten hin zu einem kulturkonservativen, fortschrittskritischen, männerbündlerischen, illiberalen, deutschnationalen und auch kriegstreiberischen Schriftsteller gewandelt. Hin zu jenen gedanklichen Grundlagen, die Europas Zivilisation in den Untergang geführt, den weltweiten „Höllensturz“ mit ausgelöst haben. Viele Ideen und Gedanken des Anti-Modernisten, Frauenfeindes, Anti-Aufklärers Peter Rosegger haben eine schreckliche Erbschaft begründet.

PS: Die Steiermark hat auch eine Literaturnobelpreisträgerin. Elfriede Jelinek, 72, die den Preis 2004 erhielt, ist als Österreicherin nach dem Krieg die einzige. Sie lebt nicht unweit von Peter Roseggers Geburtsheimat Alpl. Falls es ein Ranking der Literaturnobelpreisträgerinnen und -preisträger bezüglich Bitterkeit, sprachlich scharfer Klinge und aggressiver Resignation geben würde – Elfriede Jelinek wäre konkurrenzlos auf Platz 1.* Und welche Wertschätzung erfährt sie in der Steiermark?

*Zitat aus der Rede von Georg Friedrich Haas zum 50. Steirischen Herbst/14. September 2017.