Am 18. August 2018 empfing Bundeskanzler Sebastian Kurz (r.) den russischen Präsidenten Wladimir Putin (l.) in Graz.

Fotos: BKA/Arno Melicharek

Am 18. August 2018 empfing Bundeskanzler Sebastian Kurz (r.) den russischen Präsidenten Wladimir Putin (l.) in Graz.

Am 18. August 2018 empfing Bundeskanzler Sebastian Kurz (r.) den russischen Präsidenten Wladimir Putin (l.) in Graz.

Präsident Putin trifft Bundeskanzler Kurz

Präsident Putin trifft Bundeskanzler Kurz

Putin und die gesperrte Autobahn

Dienstag, 21. August 2018

Als ehemaliger führender Mitarbeiter des Sowjetischen Geheimdienstes in der DDR beherrscht Wladimir Putin fast fehlerfrei die deutsche Sprache. Wenn er gut gelaunt ist – und das war er beim Besuch der Kneissl-Hochzeit in Gamlitz –, dann unterhält er sich auch auf Deutsch. Für den Abstecher nach Gamlitz war das schon deshalb gut, weil damit zeitaufwändige Übersetzungen wegfielen und man die Zeit bestens für Plaudereien nützen konnte. Was den sympathischen Gesamteindruck allerdings schmälert, ist das Vorgehen unsere Exekutive. Dort entschied man aufgrund der Anreise Putins mit Auto, den Autobahnabschnitt der A9 von Thalerhof bis Vogau beidseitig für den übrigen Verkehr zu sperren. Noch dazu an einem Samstag, wo es intensiven Urlaubsreiseverkehr gab. Wer das entschieden hat, der gehörte aus meiner Sicht sofort vom Dienst suspendiert und medizinisch betreut. Es hätte auch ein Sicherheitsabstand von 50 bis 100 Metern vor und nach der Autobahnkolonne Putins durch mobile Exekutivorgane abgesichert gereicht.

Denn he, wo sind wir denn? Wir haben keine Verhältnisse wie in Moskau, wo Putin als Autokrat und sein Team das bestimmen können, wenn er von seiner Datscha, dem privaten Wohnsitz, zur Arbeit in den Kreml fährt. Kein anderes Fahrzeug darf zu selben Zeit wie Putin – egal, wo er unterwegs ist –, die Straße benützen, auf der Russlands starker Mann mit seiner Kolonne dahin rast. Dort ist ihm alles erlaubt. Aber wir sind in Österreich! In Russland geschieht die Abschottung offensichtlich, weil die Anschlagsgefahr permanent gegeben ist. Putins Sicherheitsleute haben im eigenen Land zwar jede Macht der Welt, aber hundertprozentige Sicherheit gibt es ohnehin nicht.

Daher an die Einsatzleitung der Exekutive: Wir leben in Österreich, meine Herren und Damen und nicht in Venezuela und zum Glück auch nicht in Russland! Die Autobahn nur zu sperren, damit sich Wladimir Putin im Auto wie zuhause fühlt, also allein auf der Straße unterwegs ist – das geht viel zu weit! Ich denke auch nicht, dass es ein Wunsch Putins war.

Zum Glück ist die Idee verworfen worden – es soll diese gegeben haben: Die Anrainer im Umfeld der Autobahn, in der Umgebung und auf den Zufahrtsstraßen bis nach Gamlitz mögen zuhause bleiben, ihre Häuser nicht verlassen und bei geschlossenen Fenstern Wladimir Putin zuzuwinken. Als Vorhut hätte dann ein mit ein mit Lausprechern bestücktes Cobra-Auto die Bewohner noch einmal aufgefordert, sich nicht auf die Straße zu begeben und die „Ausgangssperre“ zu beachten. Der Sicherheitsaufwand wäre dann zwar geringer gewesen, aber die Spezialeinheiten der Exekutive hätten nicht all das zeigen können, was sie drauf haben. Und auch Putins Strategie-Berater hätten damit keine Freude gehabt.

Den Luftraum zu sperren auf der Strecke, wo Putin unterwegs war, wäre einfacher und möglicherweise billiger gewesen. Und von Graz-Thalerhof einen ÖAMTC-Hubschrauber zu nehmen, hätte auch einen Charme gehabt.

Wie das aber bei solchen privaten Besuchen oft der Fall ist: Diejenigen, die für die Sicherheit verantwortlich zeichnen, verlieren leicht den Überblick, was wirklich nötig ist. Für einen ehemaligen Geheimdienst-Mann wie Putin wäre es die beste Lösung gewesen, er wäre ungesehen und unerkannt nach Gamlitz gereist und die Welt-Öffentlichkeit hätte erst im Nachhinein von seinem Abstecher dorthin erfahren. Doch eine solche Inszenierung wäre für alle fad gewesen – für Frau Kneissl, für die Exekutive, für die Minister bis zum Kanzler hinauf und auch für Putins PR-Berater, die den privaten Besuch für das internationale Echo vorbereitet hatten. Denn privat war er allemal. Auf die europäische Politik oder gar politische Entscheidungen hat Putins Kurzvisite in Gamlitz null komma josef Einfluss gehabt.

J.L.