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„Ich habe nie etwas gewonnen, es war für mich einfach eine Ablenkung. Da war etwas, was quasi auf mich wartet und ich kam mir nicht blöd vor, einfach nur allein an der Theke zu sitzen. Vor dem Automaten war die Welt in Ordnung.“

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„Vorm Automaten war meine Welt in Ordnung“

Freitag, 03. August 2018

Gerald Pfeiffer sah für sich drei „Auswege“ aus Spiel- sucht: Auswandern, Selbstmord oder Selbstanzeige

Es war am Straflandesgericht in Graz und der 4. März 2013. Für Gerald Pfeiffer ein entscheidender Tag in seinem Leben. Ging es doch um seine Zukunft und die seiner Familie. „Vernehmen Sie das Urteil im Namen der Republik“, hörte er den Richter sagen. Drei Jahre, davon ein Jahr unbedingt. Es war das Ende eines Leidensweges, gleichzeitig aber auch die Chance für einen Neustart. 520.000 Euro Schulden hatte er zu verantworten. „Durch mein rückhaltloses Geständnis und weil ich meine Wohnung zur teilweisen Schadenswiedergutmachung verkaufte, fiel das Urteil milder aus. Aber das Wichtigste war: Meine Familie stand hinter mir.“ Seine Spielsucht hatte Gerald Pfeiffer bis zur Selbstanzeige am 24. Juli 2012 über 15 Jahre lang vor seiner Familie, vor Freunden und Bekannten geheim gehalten. „Niemand hat etwas geahnt oder gar gewusst“, so der 53-Jährige beim KLIPP-Gespräch. Rückblende: Begonnen hat er mit dem Automatenspielen Mitte der 1990er-Jahre. „Der Auslöser damals: Ich hatte private und berufliche Probleme, war alleinstehend. Am Abend bin ich dann halt nicht heim, sondern in ein Lokal gegangen, wo ein Automat stand“, blickt er zurück. „Da war etwas, was quasi auf mich wartet und ich kam mir nicht blöd vor, einfach nur allein an der Theke zu sitzen. Gewonnen hab‘ ich nie etwas, es war für mich einfach eine Ablenkung.“

Glück in der Liebe

Im Jahr 2000 lernte er seine Frau kennen und wurde bald Vater einer Tochter. „Da habe ich zum Spielen aufgehört und auch mit dem Rauchen. Alles war wunderbar, es fiel mir leicht.“ Doch Ende 2003 kam dann der verhängnisvolle Abend, alles brach wieder auf. „Mit Freunden habe ich beim Fußballschauen so nebenbei auch Hundewetten getätigt und rund 150 Euro verloren. Am nächsten Tag wollte ich die zurückgewinnen – und zwar am Automaten und in diesem Moment bin ich wieder zum Spieler geworden.“ Geholt hat er sich das Geld dafür dann auch aus der Firmenkasse. Als Geschäftsführer tat er sich leicht, Scheinrechnungen auszustellen.

Vom Leben in einer Gefängniszelle blieb er nur verschont, weil ihm nach langem Bemühen eine Fußfessel genehmigt wurde. „Seit damals rühre ich kein Kartenspiel mehr an, spiele auch kein ,Mensch ärgere dich nicht‘, fülle keinen Lottoschein aus, spiele nicht am Computer oder gehe auch in kein Lokal, wo ein Automat steht“, schützt er sich selbst. Gerald Pfeiffer hat sich aber noch eine weitere „Hürde“ aufgebaut, die ihm praktisch kein Hintertürchen offen lässt. Er ist heute der Projektleiter des Werkstatthof von Jugend am Werk. „Ich wollte das Thema Spielsucht enttabuisieren, darüber reden und entwickelte die Idee dafür. Walerich Berger, Geschäftsführer von Jugend am Werk, hat die Idee gut gefallen und die Trägerschaft für das Projekt übernommen.“ 2016 gab es in der Kärntnerstraße 25 in Graz den Start. Jeder, der irgendwie spielsüchtig ist oder war, findet dort eine Ansprechperson, kann sich austauschen – von Freitag bis Sonntag, genau dann, wenn sonst keine Beratungsstelle zur Verfügung steht. „Die Gespräche mit den Klienten dort, wie sie von uns genannt werden, sind natürlich auch eine Art von Therapie für mich selbst. Ganz wichtig ist mir dabei, dass wir offen und ehrlich mit dem Thema umgehen. Logischerweise wissen diese auch, dass ich spielsüchtig war.“

Nach seinem Neustart hat sich auch Gerald Pfeiffer einer Therapie unterzogen. „Ich hatte ja keinen Job, war beim AMS gemeldet und habe begonnen, mich auch handwerklich zu beschäftigen.“ Im Berufsrehabilitationszentrum hatte er die Chance, zwei Umschulungen zu machen – zum Schweißer und Sozial- und Berufspädagogen. Den jungen Leuten in der Berufsschule konnte er damals im Unterricht auch seine Geschichte erzählen. Es ist seine „Mission“ – bis heute.