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Bread & Puppet Theater

Intendantin und Chefkuratorin Ekaterina Degot bei ihrer Eröffnungsrede

Intendantin und Chefkuratorin Ekaterina Degot bei ihrer Eröffnungsrede

Fotos: Jasper Kettner

Fotos: Jasper Kettner

Radikaler Neuanfang gelungen

Freitag, 21. September 2018

steirischer herbst eröffnet

Öffne die Fenster und lass‘ frische Luft herein – dieser Aufforderung ist der steirische herbst mit der Verpflichtung von Ekaterina Degot, der gebürtigen Russin, nachgekommen. Ihr Programm „Volksfronten“ bietet das, was Kunst sein muss: Störfaktor, aber auch Einladung zur Debatte. Das war auch die programmatische Eröffnungsrede der Intendantin und Chefkuratorin.

Als Veranstaltungsort für die Eröffnung hatte sie den Europaplatz vor dem Grazer Hauptbahnhof gewählt. „Als ich eingeladen wurde, den steirischen herbst zu leiten, und im vergangenen Jahr in dieser Funktion erstmals nach Graz kam“, so Ekaterina Degot in ihrer Eröffnungsrede, „war ich mir schon im allerersten Augenblick sicher, dass das Festival nirgendwo anders beginnen kann als hier – im öffentlichen Raum und in einem Teil der Stadt, der einstweilen noch nicht zu ihrer bevorzugten Lage gehört.“

„Tatsächlich gibt es viele Europaplätze in Europa, die seltsamerweise oft an Bahnhöfen liegen, als befinde sich Europa stets anderswo und immer mindestens eine Zugreise weit entfernt. Ich wollte, dass wir den Anfang in diesem Durchgangsraum machen, dass wir uns versammeln, wo Einheimische und Außenseiter, Österreicherinnen und Österreicher und Fremde durcheinander strömen und allesamt einer Unbeständigkeit anheimfallen, die für so manche ein Dauerzustand ist.“

Im Vorfeld gab es von Kunstkennern phasenweise die Sorge, inwieweit die neue Intendantin in der kurzen Vorbereitungszeit ein attraktives Programm erstellen können wird. Rund 800 Zuschauer verfolgten die Eröffnung – wohl mehr als man erwartet hatte, angesichts der radikalen Neuordnung. Erfolgt doch das gewohnte Auftaktfest bisher stets in der List-Halle. Die Neo-Intendantin verlässt den Weg der Co-Produktionen und präsentiert eine straffe Liste an Eigenveranstaltungen. In diesem Zusammenhang macht sie etwa Programm mit der Entsorgung von Nazi-Devotionalien, mit jugoslawischen Partisanen-Slogans („Tod dem Faschismus“, „Freiheit für das Volk“), mit einem Symposium für Fans von Conchita und/oder Andreas Gabalier. Es gehe ihr dabei, so Ekaterina Degot in ihrer Eröffnungsrede, um die gesamte Öffentlichkeit des Landes. „Wir wollen mit Ihnen reden, über das, was für uns alle von Bedeutung ist. Wir wollen Sie – und das ist Teil des Spiels – in die prekäre Lage bringen, sich vielleicht von uns gestört zu fühlen.“ Denn: Kunst müsse stören, ja sogar „zerstörend Neues schaffen. Manchmal, wenn wir Glück haben, geht sie dabei soweit, dass unser Leben hinterher nicht mehr dasselbe ist.“

Die 51. Auflage des steirischen herbst folgt logischerweise dieser programmatischen Ansage. Der herbst 2018 handel letztlich „von den politischen Gegensätzen und Widersprüchen unserer Zeit“, so die risikofreudige Neo-Intendantin, „und damit von Ungleichheit und vorenthaltenen Lebenschancen. Sie brüten und nähren die Würmer des Faschismus. Unterdessen geraten wir auf eine falsche Fährte. Man erzählt uns, dass es in diesen Gegensätzen und Kämpfen um Kulturen, Religionen oder Rassen gehe, dass sie den geschniegelten und gebügelten, überkommenen Identitäten unserer Vorfahren und ihrer angeblichen Unvereinbarkeit mit den geringfügig anders geschneiderten Identitäten gewisser anderer entspringen. Das ist nicht wahr und es hindert uns, gemeinsame Sache zu machen.“ Mit „Volksfronten“ dem Begriff und zentralen Thema des steirischen herbst 2018 will Ekaterina Degot dem entgegentreten.

Infos und Programm: www.steirischerherbst.at