Mädchen geht mit Eltern in die Stille Nacht Kapelle

Foto: SalzburgerLand Tourismus

Eine spätere Niederschrift von „Stille Nacht“. Das Original wurde bis heute nicht gefunden. Foto: SalzburgerLand Tourismus

Eine spätere Niederschrift von „Stille Nacht“. Das Original wurde bis heute nicht gefunden. Foto: SalzburgerLand Tourismus

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Joseph Mohr: ganz arm verstorben. Foto: SalzburgerLand Tourismus

Joseph Mohr: ganz arm verstorben. Foto: SalzburgerLand Tourismus

Es berührt die Herzen

Sonntag, 23. Dezember 2018

2,5 Milliarden singen die Friedensbotschaft, die 1914 sogar den Krieg unterbrach. Nur die Welt weiß nicht, dass es aus Salzburg kommt. 200 Jahre „Stille Nacht“

Unsere Sitznachbarin wischt sich die Tränen unter der Brille von der Wange, als die letzten Töne der Gitarre in der Stille-Nacht-Kapelle in Oberndorf bei Salzburg ausklingen. Rund 40 Besucher füllen die Kapelle und haben andächtig zugehört. Die Adventzeit hat begonnen. Ein Sänger-Duo – wie Joseph Mohr auf der Gitarre und Franz-Xaver Gruber am Heiligen Abend 1818 – hat das Lied im Rahmen einer Führung in der Originalfassung gesungen. Am 24. Dezember werden mehrere tausend Menschen das Gelände um die Kapelle säumen, weil sie diesen „magischen Moment“ erleben wollen. Genauso wie Millionen von aufgeregten Kindern, die im Kreis ihrer Familie und Lieben vor dem Christbaum warten, dass das Christkind kommt. Mit dem Erklingen von „Stille Nacht, heilige Nacht“ – ob aus dem Radio, dem Fernseher oder selbst gesungen und gespielt – heißen sie das Christkind willkommen.

„Ich weiß nicht warum, aber es geht mir jedes Mal, wenn ich ,Stille Nacht‘ höre, so unter die Haut. Es erinnert mich an meine Kindheit und dann wird mir irgendwie warm ums Herz“, entschuldigt sich die Sitznachbarin für den Gefühlsausbruch bei uns*

Der heurige Weihnachtsstern für die Geburt Christi, fürs Christkind, leuchtet besonders hell. Die Melodie „Stille Nacht, heilige Nacht“ wurde vor genau 200 Jahren das erste Mal in Oberndorf bei Salzburg gesungen. Es ist längst zu einer Welt-Hymne geworden – mit vielen Mythen und Geschichten. Zweieinhalb Milliarden Menschen singen die Friedensbotschaft Jahr für Jahr am 24. Dezember – in hundert Sprachen – und lassen sich von der Melodie verzaubern.

Eine junge Brasilianerin zu Missionsbischof Erwin Kräutler beim Singen: „Kennst du unser Weihnachtslied?“ In den meisten Regionen hält man es für eine Volksweise aus dem eigenen Land.

Enttäuscht
Das sind Besucher, die die Stille-Nacht-Kapelle zum ersten Mal sehen: Liegt sie doch nicht in der Idylle eines mit Schnee gesegneten Bergtales, sondern an einer Biegung des Flusses Salzach, rund 20 Kilometer nördlich der Stadt Salzburg, in der Gemeinde Oberndorf. Gegenüber am anderen Ufer liegt Laufen, schon in Bayern. Die Kapelle wurde in den 1930er-Jahren an jener Stelle erbaut, wo früher die St. Nikola Kirche stand. 1818 erklang dort erstmals die „Stille-Nacht“-Melodie. Weil die Kirche häufig vom Hochwasser der Salzach in Mitleidenschaft gezogen wurde, erbauten sie die Oberndorfer an einem sicheren Platz in der Gemeinde wieder neu.

Und wie uns Rudi, ein Führerim Stille-Nacht-Museum in Oberndorf, erklärt, durften Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr ihr „Stille Nacht, heilige Nacht“ nicht zum Abschluss der Messe in der St. Nikola Kirche singen. Das Lied war in der Messe-Liturgie nicht vorgesehen. Damit stimmt auch die nette Geschichte nicht, dass eine Maus den Blasebalg der Orgel angeknabbert hatte und deshalb der Lehrer Franz Xaver Gruber und der Hilfspriester Joseph Mohr aus der Not heraus sich mit der Gitarre begleiten mussten. Erst viel später wurde das Lied zum emotionalen Höhepunkt jeder Christmette. Die beiden Freunde sollen die Melodie erstmals im Kirchenraum vor der Krippe angestimmt haben und später dann in den umliegenden Kneipen und Gasthäusern in Oberndorf/Laufen.

Das an der Salzach-Schlinge liegende schneearme Oberndorf/Laufen war zu jener Zeit ein wichtiger Handelsplatz. Das auf der Salzach transportierte Salz musste an der Flussschlinge in Oberndorf umgeschifft werden. Stromschnellen und Felsbrocken machten die Flussschlinge zu einer Herausforderung für die Schiffer. Über Jahrhunderte hinweg war die Salzach der einzige leistungsfähige Transportweg für das aus Hallein kommende Salz. Dieses wurde dann über Passau an die Donau geliefert und von dort bis zum Schwarzen Meer geschifft.

Ein Revoluzzer
Der damals 26-jährige Joseph Mohr ist in der Zeit von 1817 bis 1819 als Hilfspriester und Seelsorger für die Schiffergemeinde eingesetzt. Sein Vorgesetzter, der Pfarrer, beschwert sich schriftlich bei der bischöflichen Behörde über ihn und seinen Lebensstil: Dieser gehe mit einer langen Tabakpfeife, burschenmäßig gekleidet, über die Gassen. Er singe oft nicht erbauliche Lieder, er scherze auch mit Personen anderen Geschlechts, benehme sich wenig, nur nicht geistlich und fahre mit Mädchen und Schiffsbuben nächtens aus. Er vernachlässige die Seelsorge, das Studium und opfere alle seine Vorlieben nur seiner Musik und der musikalischen Unterhaltung. Er sei auch einer, der sich nicht unterordnen will, schwärzt ihn Pfarrer Georg Heinrich Joseph Nössler am 30. Juli 1819 in einem Schreiben bei der Obrigkeit, bei der bischöflichen Behörde, an. Joseph Mohr, 1792 am 11. Dezember in Salzburg geboren, war als uneheliches Kind in ärmlichsten Verhältnissen aufgewachsen und kam so in die Obhut der Kirche.

Freund gefunden
In Oberndorf hatte sich Mohr mit dem Organisten der Kirche, Franz Xaver Gruber angefreundet. Dieser war Lehrer im benachbarten Arnsdorf und versah in der Kirche in Oberndorf den Orgeldienst. Mohr bat Gruber im Dezember 1818, für sein Gedicht „Stille Nacht, heilige Nacht“ eine Melodie zu komponieren, das er bereits zwei Jahre zuvor während seiner Seelsorger-Tätigkeit in Mariapfarr, einem Wallfahrtsort, geschrieben hatte. Am 24. Dezember 1818 erklingt „Stille Nacht, heilige Nacht“ dann zum ersten Mal – von beiden gemeinsam gesungen. Mitte 1819 wurde Joseph Mohr als Hilfspriester bereits nach Kuchl versetzt. Niemand weiß, wo die Original-Niederschrift des Liedes geblieben ist, die Franz Xaver Gruber Joseph Mohr gegeben haben soll. Text und Melodie waren in einer Epoche entstanden, in der sich ganz Europa im Umbruch befand – fast wie heute. Die Menschen waren den Umständen hilflos ausgeliefert. Napoleon hatte ganze Landstriche mit Krieg und Verwüstung überzogen, zeichnete die Grenzen im alten Europa neu. Zudem kam im Jahr 1816 eine Naturkatastrophe mit verheerenden Auswirkungen auf Europa. Ernteausfälle, Schulden und ein Jahr „ohne Sommer“ führten zu Hunger und noch mehr Not. Vielleicht war es diese dramatisierte Situation, welche die Menschen für ein neues Lied empfänglich machte, weil es einen Funken von Hoffnung und Wärme verbreitet.

Die persönliche Tragik
Die beiden Freunde erfuhren nichts davon, dass ihr Lied in den nächsten Jahrzehnten einen Siegeszug um die Welt angetreten hatte. Joseph Mohr starb 1848 nach vielen Stationen in verschiedenen Pfarren als Vikar am 4. Dezember in Wagrain. Er war zeitlebens für die Ärmsten da.  Seine einzige materielle Hinterlassenschaft war eine Gitarre, die später in den Besitz der Familie des Komponisten Franz Xaver Gruber kam. Dieser verstarb 1863 in Hallein, also 15 Jahre später. Er war dort Chor-Regent, hatte gleichsam eine Lebensstellung gehabt. Die Anfänge der Popularität seiner Weihnachtsmelodie hatte Gruber noch erlebt. Im Stift St. Peter in Salzburg war 1854, also neun Jahre vor seinem Tod, ein Schreiben der königlich-preußischen Hofkapelle in Berlin eingelangt. Man bat um Auskunft über Johann Michael Haydn, der für den Urheber des Liedes gehalten wurde. Preußen-König Friedrich Wilhelm IV wollte eine Abschrift der Noten für seine Hofkapelle haben. Ein Sohn Franz Xaver Grubers war als Sängerknabe im Konvikt, sodass die Urheberschaft geklärt werden konnte. Franz Xaver Gruber verfasste daraufhin die „Authentische Veranlassung zur Komposition des Weihnachtsliedes“. Erst ab diesem Zeitpunkt erfuhrt also die Welt, wer dieses unsterbliche Lied geschaffen hatte. Bis dahin galt es als Tiroler Volkslied.

Von Tirol aus in die Welt
Überlieferungen zufolge war der Tiroler Orgelbauer Carl Mauracher aus Fügen im Zillertal in den Jahren 1824, 1825 in der St. Nikola Kirche in Oberndorf mit dem Neubau der Orgel beschäftigt. Dort lernte er den Messner und Organisten Franz Xaver Gruber und das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ kennen. Mauracher war ein musikalisch gebildeter Mensch und brachte so von seinen Arbeitsreisen das Lied mit ins heimatliche Zillertal. Dort verbreitete es sich und wurde recht schnell zu feierlichen Anlässen gesungen. Aber auch im übrigen Österreich fand das Lied um 1830 Aufnahme in Liederbücher  – wie, bleibt ungeklärt.

Da im Winter die Bauern wenig Arbeit hatten, verkauften die Zillertaler Bauernfamilien als fahrende Händler auf Märkten und Messen selbstgemachte Waren. Sehr bald erkannten sie, dass der Verkauf besser lief, wenn an den Ständen Tiroler Lieder gesungen wurden. Zu diesen fahrenden Händlern zählte auch die Familie Strasser. Zu Weihnachten 1831 hatten sie einen Stand am Leipziger Weihnachtsmarkt. Dort wurden sie eingeladen, das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ auch bei der Weihnachtsmette zu singen. Der Verleger August Robert Friese soll dort als Zuhörer dabei gewesen sein und publizierte wenig später vier „aechte Tiroler Lieder“. Darunter war auch „Stille Nacht, heilige Nacht“. Es galt also als Tiroler Volkslied.

Eine weitere Sänger-Familie waren die Rainers, ebenfalls aus Fügen. Ludwig Rainer machte „Stille Nacht, heilige Nacht“ weit über die Grenzen Europas hinaus bekannt. Mit nur 18 Jahren reist er gemeinsam mit seinen Geschwistern und Eltern in einer Kutsche nach Hamburg und von dort mit dem Schiff nach Amerika. Die Familie absolvierte dort eine mehrjährige „Tournee“. Am Weihnachtsabend 1839 soll „Stille Nacht, heilige Nacht“ zum ersten Mal öffentlich in der Neuen Welt in der Trinity Church nahe der New Yorker Wall Street erklungen sein. Nach der Rückkehr gründete Ludwig Rainer die „Tiroler Nationalsänger“ mit mehreren Formationen und Gruppen, die dann nahezu an allen Herrscher-Häusern in Europa auftraten. So auch am Zarenhof in Moskau und Petersburg, wo die Rainers mehr als zehn Jahre lang blieben. Mehrere Mitglieder der Sängergruppen verstarben auch in der Fremde.

Die Familienschicksale und das Geschehen sind im „Stille-Nacht-Museum“ in Fügen im Zillertal mit vielen interessanten Details bestens dokumentiert. Das Museum verfügt über eine Sammlung von mehr als 1.000 Tonträgern mit „Stille-Nacht“-Versionen in mehr als 300 Sprachen und Dialekten. In den USA war es Bing Crosby, dessen Version von „White Christmas“ allein 37 Millionen Mal verkauft wurde. 1941 haben US-Präsident Roosevelt und der britische Premier Winston Churchill „Stille Nacht“ gemeinsam im Garten des Weißen Hauses gesungen.

Das Morden gestoppt
Im Ersten Weltkrieg, zu Weihnachten 1914, verstummten in der Heiligen Nacht sogar die Waffen. An der Westfront waren schon mehr als eine Million Soldaten gefallen oder verwundet worden. Am 24. Dezember, dem Heiligen Abend, kehrte Ruhe ein in den Schützengräben und es ereignete sich ein einmaliges pazifistisches Wunder der Verbrüderung unter tausenden Soldaten verschiedener Nationen. Einige Soldaten stellen kleine beleuchtete Weihnachtsbäumchen auf den oberen Rand des Schützengrabens – wie ein Zeichen des Friedens. Auf beiden Seiten der rund 50 Kilometer langen Front in Flandern legen die Kämpfer ihre Waffen und Helme ab, steigen aus den Schützengräben heraus und singen heimatliche Weihnachtslieder. Auch „Stille Nacht, heilige Nacht“ erklingt in verschiedenen Muttersprachen. Die solidarische Kriegsweihnacht war mit einem Ausnahmezustand zu vergleichen. In der Folge wurde die Verbrüderung bei Todesstrafe verboten, ging das gegenseitige Niedermetzeln weiter.