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Schlamm-Tsunami verwüstete Weltkulturerbe

Franz Wuthe: „Konnte mich im letzten Augenblick auf Felsvorsprung retten.“

Franz Wuthe: „Konnte mich im letzten Augenblick auf Felsvorsprung retten.“

Atemberaubende Kulisse bei Schönwetter: Die Schlucht Siq

Atemberaubende Kulisse bei Schönwetter: Die Schlucht Siq

Die Felsenstadt Petra ist vor allem für die rötlich schimmernde Farbe der Felsen bekannt, aus denen sie 312 v. Chr. von den alten Nabatäern aus massivem Fels heraus geschlagen wurde.

Die Felsenstadt Petra ist vor allem für die rötlich schimmernde Farbe der Felsen bekannt, aus denen sie 312 v. Chr. von den alten Nabatäern aus massivem Fels heraus geschlagen wurde.

Horror-Erlebnis bei Kreuzfahrt

Sonntag, 06. Januar 2019

Grazer überlebte Schlammkatastrophe in Petra mit Glück

Am Abend des 9. November 2018, also vor wenigen Wochen, feierte der Grazer Franz Wuthe spätabends bei einer Flasche Champagner auf der MSC Lirica, einem Kreuzfahrtschiff mit 2.000 Gästen, seinen zweiten Geburtstag. Stunden zuvor waren er und hunderte andere Touristen nur mit viel Glück einer verheerenden Schlammkatastrophe entkommen. Die Gäste des Kreuzfahrtschiffes waren mit Bussen auf einem Landausflug. „Unser Ziel war eine der spektakulärsten Sehenswürdigkeiten, die die Welt zu bieten hat – nämlich die antike Felsenstadt Petra in der jordanischen Wüste“, schildert Franz Wuthe sein Erlebnis. „Ich war vorher noch nie dort.“ Diese ist vor allem für die rötlich schimmernde Farbe der Felsen bekannt, aus denen sie 312 v. Chr. von den alten Nabatäern aus massivem Fels herausgeschlagen wurde. Über ein fortschrittliches Wasserleitungssystem schafften es die intelligenten arabischen Erbauer sogar, ihre Stadt mit Trinkwasser zu versorgen und verwandelten sie so in eine künstliche Oase.

Nach einer zweistündigen Busfahrt am Ziel angekommen startete die Gruppe ihren Fußmarsch. Vereinbarter Treffpunkt nach der Führung war wieder beim Bus, der vor einem Hotel in der Ortschaft vor der Schlucht auf die Gäste wartete. „Auf dem Weg in die Schlucht hinunter – so rund 500 Meter“, erzählt Franz Wuthe, „hat es leicht zu regnen begonnen. Jeder hat sich dann dort an einem der vielen Stände mit einem Regenschutz oder Schirm eingedeckt.“ Durch Drehkreuze und über eine Brücke, die über ein ausgetrocknetes, breites Flussbett führt, gelangt Franz Wuthe zum Eingang der gigantischen natürlichen Schlucht – mit dem Namen Siq, die sich in der Folge durch himmelhohe Felswände schlängelt.

„Wenn du dann aus der Schlucht heraus trittst, siehst du vor dir eben Petra in seiner rosafarbenen Pracht“, erzählt Franz Wuthe. Nach etwa zwei Stunden hatte er genug gesehen, meldete sich ordnungsgemäß von der Gruppe ab und war allein auf dem Rückweg durch die Schlucht zum vereinbarten Treffpunkt unterwegs. „Plötzlich hat ein Mann von einer Anhöhe laut in die Schlucht herunter geschrien“, schildert er. „Ich habe gedacht, er verrichtet sein Abendgebet oder sonst was und habe das nicht zuordnen können. Dann ist alles rasend schnell gegangen. Hinter der Biegung in der Schlucht sehe ich plötzlich eine braune Masse, die sich auf mich zu wälzt. Ich habe reflexartig geschaut, wo ich dieser ausweichen kann und habe einen erhöhten Felsvorsprung erwischt, wo ich mich hinauf gezogen habe. Das hat mir das Leben gerettet, denn der Schlamm hat nur meine Knie erreicht. Ich habe mich dann langsam weiter nach oben hanteln können. Später habe ich mich dann auch daran erinnert, dass ich kurz vor der Biegung in der Schlucht ein dumpfes Rauschen gehört habe, das ich aber auch nicht zuordnen habe können.“ Erst nach und nach bekam Franz Wuthe mit, was sich rund um ihn abgespielt hat. „Es waren ja allein von unserem Schiff rund 1.500 Besucher in der Schlucht unterwegs gewesen.“

Mehrere Stunden war er mit anderen auf einem Felsplateau eingeschlossen und sah, wie sich die Schlammlawine durch die Schlucht wälzte. Erst später konnten sie erkennen, was passiert war. Durch den schlagartigen Regen hatte sich das Flussbett innerhalb von Minuten gefüllt und das Wasser nahm alles mit, was sich dort angesammelt hatte. An der Brücke zum Eingang der Schlucht staute sich dann die schlammartige Masse und suchte sich so ihren Weg in die Schlucht. „Da sind Holzstämme, Plastiksachen und alles Mögliche mitgerissen worden“, so Franz Wuthe. „Wir waren alle geschockt.“ Durchnässt und vor Kälte zitternd brachen sie dann zum vereinbarten Treffpunkt bei den Bussen auf. Die Gruppe von Franz Wuthe hatte Glück. Sie war von einem Führer aus der Gefahrenzone gebracht worden. Zu Fuß oder in Privatautos ging es dann nach einer Wartezeit von Stunden für die Gruppe wieder zurück zum Bus. „Es war chaotisch. Die Führer haben versucht abzuzählen, ob ihre Gruppen wohl vollständig waren. Im Bus ist es dann zu heftigen Debatten über die Sicherheitsstandards gekommen“, erzählt Franz Wuthe. „Was mich gestört hat war, dass dann am Schiff von den Verantwortlichen niemand da war, mit dem du hättest reden können.“ Denn er und andere Gäste hatten in der Aufregung und Panik ihre Fotoapparate, Handys und auch andere persönliche Sachen liegen gelassen oder verloren. „Es ist wiederholt versprochen worden, dass alles aufgenommen werde, aber geschehen ist nichts.“ Franz Wuthe habe mehrmals versucht, eine schriftliche Bestätigung über den Ausflug und die Probleme dort für die Versicherung zu bekommen. „Aber es ist mir nicht gelungen. Einzig auf der Endabrechnung der Kreuzfahrt ist eine Gutschrift von 50 Euro für diesen Landausflug vermerkt – ohne Erklärung für das Warum.“

Von einem Reisepartner erfuhr Franz Wuthe später, dass es im Fernsehen einen Bericht über die Evakuierung in der Felsenstadt gegeben hat. Man sah Soldaten und Zivilisten, die mit Stangen im Schlamm herum stocherten und offensichtlich nach Vermissten gesucht haben. In der Vergangenheit kam es schon mehrmals zu Unglücken. An Bord der Lirica selbst gab es kein offizielles Statement der Verantwortlichen.

Zum Abschluss des KLIPP-Gesprächs zeigt Franz Wuthe den Prospekt für den Landausflug in Petra, wo unter anderem steht: „Auf der Rückfahrt können Sie von Ihrem klimatisierten Reisebus aus die atemberaubende Landschaft bewundern und die Ereignisse des Tages noch einmal Revue passieren lassen.“