Historisches-Archiv-BP-Aral

Historische Tankstelle, Foto: Historisches Archiv BP/Aral

Kurator Helmut Eberhart, WKO-Fachverbandsausschussmitglied Harald Pfleger und WKO-Österreich-Vizepräsident Jürgen Roth (v.l.). Foto: Lunghammer

Kurator Helmut Eberhart, WKO-Fachverbandsausschussmitglied Harald Pfleger und WKO-Österreich-Vizepräsident Jürgen Roth (v.l.). Foto: Lunghammer

Eröffnung der ersten Tankstelle Österreichs am Jakominiplatz in Graz, 1924

Eröffnung der ersten Tankstelle Österreichs am Jakominiplatz in Graz, 1924

WKO-Österreich-Vizepräsident Jürgen Roth Jürgen Roth und Harald Pfleger WKO-Fachverbandsausschussmitglied

WKO-Österreich-Vizepräsident Jürgen Roth Jürgen Roth und Harald Pfleger WKO-Fachverbandsausschussmitglied

Volkskundemuseum zeigt „Mythos Tankstelle“

Donnerstag, 11. April 2019

Die „erste Tankstelle“ war eine Apotheke

Das Volkskundemuseum widmet sich in der neuen Sonderausstellung dem Mythos Tankstelle, jenem Ort, der im Alltag allgegenwärtig ist und dessen Bedeutung heute weit über die Versorgung mit Treibstoff und Lebensmitteln hinausreicht. Die Kulturgeschichte der Tankstelle wird mit zahlreichen Objekten wie einem originalgetreuen Nachbau des Benz Nr. 1, der bei einer Überlandfahrt das erste Mal betankt wurde, dargestellt. Und auch Pächter/innen, Mitarbeiter/innen sowie Gäste kommen mit Originalzitaten zu Wort.

Erste „Benzinabgabestelle“ in Österreich stand in Graz

Der Bedarf an mehr Sicherheit bei der Benzinabgabe sorgte auch in Österreich für Überlegungen, Tankstellen zu errichten, die Benzin unterirdisch lagern sollten, das mittels einer Pumpe an die Oberfläche gefördert werden konnte. Im Herbst 1924 war es soweit: Am Grazer Jakominiplatz wurde die erste Tankstelle Österreichs errichtet. Kurz darauf nahmen weitere Abgabestellen am Lend- und Griesplatz ihre Tätigkeit auf. Bereits 1926 war am Jakominiplatz eine Erweiterung der unterirdischen Tanks geplant, was allerdings an massiven Anrainerprotesten scheiterte. In diesem Jahr gab es in Graz bereits sechs öffentliche Benzinabgabestellen. In der Ausstellung sind u.a. der Originalantrag und die Pläne vom April 1924 zu sehen, mit denen die Genehmigung für den Bau der Anlage beantragt wurde. Neben dem Fokus auf die Tankstellen in Graz beleuchtet die Ausstellung auchdie architektonische und technische Entwicklung der Tankstellen im Allgemeinen. Unter anderem sind Modelle von Tankstellen zu sehen, die die Entwicklung von der Nachkriegszeit bis zur Automatentankstelle veranschaulichen. Welche Bedeutung Tankstellen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einnahmen, zeigen fünf Werbefilme aus den 1930er- bis 1950er-Jahren sowie einige frühe Werbeeinschaltungen.

Am Anfang war die Apotheke

Als 1888 Bertha Benz, die Frau von Carl Benz -des Erfinders des Automobils – mit ihren beiden Söhnen die erste Überlandfahrt in der Geschichte unternahm, musste sie auf ihrer Fahrt von Mannheim nach Pforzheim tanken. Allerdings gab es damals noch keine Tankstellen. Was also tun? Sie fuhr zur Stadtapotheke in Wiesloch und kaufte den gesamten Vorrat an Ligroin (ein Leichtbenzin) auf, um weiterfahren zu können. Somit wurde diese Apotheke, die heute noch existiert und diese Erinnerung hochhält, zur ersten Tankstelle der Welt. In den folgenden Jahren wurde Benzin an allen möglichen Orten verkauft, etwain Apothekenund Drogerien sowieim Kolonialwarenhandel. Ab 1917 wurden zunächst in den USA Tankstellen gebaut, die grundsätzlich schon das heute noch gültige System mit Kassagebäude, Vordach und Zapfsäulen aufwiesen. Im ersten Teil der Ausstellung ist auch das bedeutendste Objekt der Schau zu sehen: Ein originalgetreuer Nachbau des Benz Nr. 1, den Carl Benz 1886 als erstes fahrtüchtiges Automobil der Geschichte zum Patent anmeldete.

Zukunftsort Tankstelle

Die großen Mineralölgesellschaften haben an Tankstellen, so wie sie uns heute (noch) vertraut sind, nur bedingtes Interesse: Mit Automatentankstellen, die ohne Personal auskommen, lässt sich zweifellos mehr Geld verdienen. Was aber bedeutet das für jeneTankstellen, für die Pächter/innen, das Personal und auch die Gäste, die mittlerweile diese Institution als Stammlokal auserkoren haben? Die Ausstellung wagt auch einen Blick in die Zukunft und zeigt exemplarisch Wege auf: Sie führen im optimalen Fall in die Multifunktionalität dieser Einrichtung (Treibstoffverkauf, Shop, Gastronomie, zusätzliche Serviceangebote) oder sie folgen dem Interesse der Konzerne und mutieren zu Automatentankstellen bzw. werden im schlimmsten Fall zu Ruinen in der Landschaft, wie sie Eric Tabucchi in seiner Fotoserie Twentysix Abandoned Gasoline Stations (2008) zeigt. Da wir uns eine Welt ohne diese uns so vertrauten Tankstellen kaum vorstellen können, ist wohl der ohnehin schon um sich greifende Wandel zu einer multifunktionalen Serviceeinrichtung der zukunftsweisende Weg. Auf diese Thematik wird jedenfalls am Ende der Ausstellung hingewiesen.