20190914-IM3_6211 klein Logo

Fotos: Heimo Ruschitz

20190914-IM3_6220 klein Logo

Jakob Schwarz, Sandra Krautwaschl und Werner Kogler

Jakob Schwarz, Sandra Krautwaschl und Werner Kogler

Das Phänomen Werner Kogler

Mittwoch, 02. Oktober 2019

Ein steirischer Vizekanzler „wider Willen“

Vorgestern noch völlig dabei, gestern völlig out, arbeitslos und als Politiker ohne Mandat und morgen wahrscheinlich als Vizekanzler zweitwichtigster Mann in Österreichs Bundesregierung. Wenn es einen Beweis dafür gibt, was die Politik alles vermag, dann zeigt sie das an Werner Kogler.

Seit vergangenem Sonntag ist er so etwas wie ein Polit-Star. Es war nicht er als Person, der die Grünen zu ihrem größten Wahlerfolg geführt hat, sondern es waren die Themen, die er glaubwürdig und authentisch im Wahlkampf rüber gebracht hat. Ganz anders als Sebastian Kurz lehnt Werner Kogler jeden Personenkult ab. Er ist auch nicht der klassische erste Mann für eine politische Bewegung bisher gewesen. Werner Kogler war zwar bei den Grünen immer „vorne dabei“, aber nie an der Spitze der Macht. Nun ist er es und präsentiert sich als authentische Alternative zu den Altvorderen, wie Eva Glawischnig, Brigitte Lunacek und andere. Herbert Kickl verhöhnte ihn am Parteitag in Graz noch, indem er Werner Koglers Vorschlag für höhere Treibstoffpreise und eine CO2-Steuer mit der Bemerkung kommentierte, „dieser tanke da und dort gerne selbst viel“. Aber Wahlsieger Kogler ist es gewohnt, auch einzustecken, weil er selbst gerne austeilt. So charakterisierte er das Team von Kurz erst kürzlich als „nicht mehr ganz junge Schnösel-Truppe“.

Unbeirrbares Durchhaltevermögen, phasenweise belächelt, ist seine Stärke. Nach dem selbst verschuldeten Wahldebakel bei der Nationalratswahl 2017 waren die letzten eineinhalb Jahre nicht leicht für den gebürtigen Hartberger Grünen Werner Kogler. Er stand ohne Büro da, ohne fixes Einkommen, hätte sich eigentlich beim AMS vormerken lassen müssen, ließ jedoch die Politik nicht los. In dieser schwierigen Zeit hielten ihn die Landesorganisationen durch ihre Unterstützung über Wasser, war das grüne Urgestein Werner Kogler die einsame grüne Stimme auf Bundesebene in Wien. Privaten Halt gibt ihm seit rund zehn Jahren Sabine Jungwirth. Diese war grüne Landtagsabgeordnete in der Steiermark – ihr Lebensgefährte hatte sein Mandat immer im Parlament in Wien – und ist seit 2017 Bundessprecherin der Grünen Wirtschaft.

Mit der EU-Wahl wurde alles anders. Aber ohne „Ibiza“ hätte es Werner Kogler „nur“ ins EU-Parlament geschafft, hätte er zwischen Wien, Brüssel, Straßburg, Graz pendeln müssen. Jetzt, als Spitzenkandidat der Grünen für die Nationalratswahl am 29. September – übrigens auch im Wahlkreis Graz und Graz-Umgebung – bot sich Werner Kogler die Chance seines Lebens. Die Grünen haben seit Sonntag erstmals eine ganz konkrete Chance, als „Juniorpartner“ – allerdings dann unbequem – in einer Bundesregierung vertreten zu sein. Sebastian Kurz bleiben nicht viele realistische Optionen, nachdem sich die FPÖ praktisch aus dem Koalitionsdiskurs heraus genommen hat. Werner Kogler könnte damit zum ersten grünen Vizekanzler der Republik aufsteigen. Ein Vorgang, der dann auf europäischer Ebene – also international – sicher entsprechendes Echo und Reaktionen hervorrufen dürfte. Praktisch aus dem Stand heraus, wie es im Sport heißt. Schon irre – oder? Aber so funktioniert Demokratie.

Das Stichwort für eine Kogler-Anekdote: Die Grünen waren im Jahr 2010 im Parlament strikt gegen die Sparpläne der damaligen schwarzroten Koalition. Fahnenführer war Werner Kogler. Er stand dort 12 Stunden und 42 Minuten am Rednerpult und ist damit weltweit so etwas wie ein Rekordhalter in Sachen Durchhaltevermögen. Pointiert sein Schlusssatz nach der Marathonrede: „Das war schon alles, was ich sagen wollte.“