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Foto: www.all-free-photos.com

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Warum gerade unser Nachbar Italien?

Dienstag, 10. März 2020

Ein Land steht still. Tausende Chinesen unter „Generalverdacht“

Jetzt ist auch unsere Republik auf Krisenmodus geschaltet. Bei uns ist der Krisenverlauf zum Glück – zumindest bis zum heutigen Tag – weniger dramatisch als in Italien. Bis gestern saßen dort 16 Millionen in der Katastrophenzone um Mailand fest. Heute ist Italien total abgeriegelt. In der Lombardei starben an einem Tag mehr als 100 Menschen am Corona-Virus. Damit steht das Herz von Italiens Wirtschaft still, nachdem Ministerpräsident Giuseppe Conte das Land dichtgemacht hat. Die von Katastrophen gebeutelte Traumstadt Venedig ist zum Beispiel total abgekapselt.

Die große Frage, die wenig diskutiert und schwer zu beantworten ist: Warum ist gerade Italien so stark betroffen? Der Versuch einer Antwort wird in unseren Medien seltsamerweise kaum unternommen. Im Folgenden ein Erklärungsversuch.

Italiens Billigmode wird im Wesentlichen in tausenden größeren und kleineren Fabriken erzeugt, die meistens Chinesen und anderen Asiaten gehören. Diese haben sich im Laufe der letzten Jahrzehntein konzentrischen Kreisen um die Großregion Mailand angesiedelt. Die Italiener nennen diese Mode die so genannte „prontomoda“, was frei übersetzt so viel heißt wie „schnelle Mode“.Es sind Kleidungsstücke, die in Italien billig als Massenware produziert werden – und, was nicht überraschend ist: In vielen Fällen fern von Qualität, Arbeitsrecht und Gewerkschaften.

In diesen kleinen Betrieben beschäftigen die Eigentümer wiederum tausende Chinesen und andere Asiaten. Die sind nicht selten auf illegaler Basis in Italien und arbeiten daher unter fragwürdigen Bedingungen, was ihr Arbeitsrecht betrifft. Allein in der Region Prato in der Toskana sind es 4.000 Unternehmen, die unter dem Level „made in Italy“ Kleidung herstellen. Dort sind rund 25.000 Bewohner, die chinesische Wurzeln haben. Mehrere weitere tausende sind dort illegal, schlafen zum Teil sogar in den Betrieben, wo sie arbeiten. Weil sie nicht gemeldet sind, können sie auch nicht zum Arzt, wenn sie krank sind.

In Prato wiederum wehrt man sich, die Urquelle für den Ausbruch des Corona-Virus in Italien zu sein. Man verweist auf die Lombardei und Veneto, wo es viele, viele Touristen aus den asiatischen Staaten gegeben hat.Vor allem aus den Reihen der politischen Rechten kommen nun die Anfeindungen.

Es ist mittlerweile bekannt, dass rund 2.000 Chinesen zum chinesischen Neujahrsfest Ende Jänner in ihre Heimat gereist waren. Rund 1.300 hat man nach ihrer Rückkehr in Quarantäne unter der Kontrolle der toskanischen Gesundheitsbehörden gestellt. Aber es sind die tausenden Illegalen, von denen die offiziellen Stellen nicht wissen, ob sie in letzter Zeit in einem Krisengebiet in China waren.

Rund 300.000 Chinesen und auch noch zigtausende andere Asiaten sollen in Italien leben. Der Großteil des Lebensraums dieser Zuwanderer liegt in Norditalien. Und bis das Gegenteil bewiesen ist, liegt die Vermutung eben verständlicherweise nahe, dass sie es sind, die mit ihren Lebensgewohnheiten, mit ihren Kontakten zu ihren Landsleuten einen wesentlichen Beitrag zur Ausbreitung der Todesseuche in Norditalien beigetragen haben.

Seine Wortmeldung hat nicht gerade zur Beruhigung beigetragen. Die Äußerung des chinesischen Starkünstlers Ai Weiwei löste in Italien höchste Empörung aus. Auf Instagram hatte der 62-jährige Bildhauer und Dissident geschrieben: „Das Corona-Virus ist wie Pasta. Die Chinesen haben sie erfunden und die Italiener haben sie verbreitet.“

Wetten gegen die Seuche an der Börse

Es ist eine Absurdität unseres Wirtschaftssystems und die lässt Verschwörungstheorien aus dem Boden schießen. Investoren können bei der Weltbank gegen eine Pandemie spekulieren. Bricht eine aus, wie es jetzt der Fall ist, da kostet sie das Millionen. Im anderen Fall kassieren sie einen gewaltigen Profit.

Es war eine Idee der Weltbank, die Wirklichkeit geworden ist. Die Weltbank gibt Papiere aus, die im Notfall schnelle Hilfe ermöglichen sollen. 14 Prozent Zinsen bekommen die Investoren, wenn sie die besonders riskanten Anleihen kaufen.

Es war vor drei Jahren, als die Weltbank dem Finanzmarkt eine Neuheit offerierte: pandemicbonds (Pandemie-Anleihen). Die Grundüberlegung des Konzepts scheint vernünftig gewesen sein. Statt im Fall einer Pandemie zeitraubend Mittel bei den Geberländern erbetteln zu müssen, würde durch die Anleihen beim Ausbrechen einer Seuche umgehend Geld vorhanden sein. Es wäre das Geld jener wettenden Investoren, das man verteilen könnte, um Ländern bei der Bekämpfung der Seuche zu helfen, die selbst dazu nicht in der Lage sind.Die Fonds decken Viruskrankheiten ab, wie Grippe, Lassa-Fieber, Ebola sowie Krankheiten, die durch das Corona-Virus verursacht werden.

Diese Anleihen sind jedoch von einer besonderen Art, denn sie werden von privaten Anlegern gekauft, die dafür eben regelmäßige Zinszahlungen (14 Prozent!) bekommen. Die Weltbank zahlt diesen Investoren fünf Millionen Dollar an Zinsen jährlich – bis zu dem Zeitpunkt, bis eine Pandemie ausbricht. Dann müssen die Investoren rund 200 Millionen Dollar an die Weltbank „überweisen“. Die Anleihen laufen drei Jahre. Gibt es keine Pandemie, können die Investoren ihr Geld plus Zinsen behalten.

Auslöser für diese Fonds war die Ebola-Krise in den Jahren 2014 bis 2016. In Westafrika allein starben damals 11.000 Menschen an dem Virus. Als gewaltigen Fortschritt stellte damals die WHO, aber auch die Weltbank, dieses Finanzinstrument vor. Es sei eine Art Versicherungspolizze gegen Pandemien.

Doch bis das Geld zur Ausschüttung kommen sollte – da sind viele, viele Hürden zu überspringen. Denn die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit die Investoren zahlen, sind umfangreich. So müssten in einem Land mindestens 2.000 Todesfälle registriert sein, weitere Tote auch im Nachbarland. Zudem muss sich die Krankheit mindestens über zwölf Wochen schnell genug ausbreiten, damit Geld fließt. Die fast 400 Seiten umfassenden Bedingungen sind so, dass sie ein rasches Auszahlen der Gelder praktisch unmöglich machen.

Eine Perversität am Rande

Es gibt zwei Varianten dieser Anleihen: Die riskantere Tranche deckt mehr Krankheiten ab und kann schon ab 250 Toten ausgelöst werden. Dafür gibt es 14 Prozent. Ein verlockendes Angebot – in einer Zeit, wo europäische Staatsanleihen negative Zinsen verursachen. Und nicht überraschend: Die Nachfrage war laut der Weltbank so groß, dass sie drei Mal so viel Anleihen hätte platzieren können.

Was die Sache politisch heikel macht: Auch Institutionen von Ländern, wie auch zum Beispiel Deutschland (dort war es das Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit), haben Anteile gekauft. Wie sinnvoll die Anleihen wirklich sind, darüber wird gestritten und diskutiert.Die Kritiker betonen, es wäre vernünftiger gewesen, die Gelder direkt in einen Fonds einzuzahlen, als über Anleihen.

Beteiligt an der Konstruktion des „pandemicemergencyfinancing“ (PEF) sind zwei europäische Firmen: Die Münchener Rück – sie ist der größte Versicherungskonzern der Welt – und die Schweizer Swiss RE. Die Investoren, in deren Portfolio der größte Teil der Anleihen liegt, sind Stiftungen, Pensionskassen, Versicherer und Vermögensverwalter.

Seit der Corona-Virus sich ausbreitet, so schreibt „Die Zeit“, wachsen die Risiken für die Anleger. Zuletzt ist der Preis für die riskante Tranche der pandemic-Papiere um über 30 Prozent eingebrochen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Anleger die versprochenen Millionen tatsächlich auszahlen müssen, ist deutlich gestiegen.

Bis die Investoren zahlen müssen, wird aber noch viel Zeit vergehen. Denn die rechtlichen Hürden sind hoch. Die WHO hat den Ausbruch der Krise erst am 31. Dezember 2019 erklärt. Die Wartefrist, bis die Anleihen auszahlungsfähig sind, läuft noch bis Ende März 2020. Damit eben die Mittel fließen, muss die Epidemie zur Pandemie werden. Dann müssen in einem weiteren Schwellenland mindestens 20 Menschen an Corona-Virus sterben. Diese und weitere Bedingungen müssen noch vor dem 30. Juni 2020 eintreten – dann laufen die Papiere aus und die Mittel plus Zinsen fallen an die Investoren zurück.

Es mag makaber klingen, aber wie ein afrikanischer Minister meinte: Er käme fast in Versuchung, Tote über die Grenze in das Nachbarland zu schmuggeln, damit das Geld aus den Anleihen fließen kann.

Quellen: „Die Zeit“ (24. Februar 2020), „Die Presse“ (8. März 2020)