Dialekt-1

Scans/Quelle: „Fahrt zur Verbotenen Stadt – Satiren und Capriccios“ von Gerhard Amanshauser (Salzburger AV edition)

Dialekt-2

Dialekt-3

Über den Stellenwert der ersten drei Vokale im österreichischen Dialekt

Samstag, 11. April 2020

Professor Anton Fuchs gewidmet

Was sogenannte Monovokale betrifft, behauptet der österreichische Dialekt eine einzigartige, viel zu wenig bekannte Überlegenheit über andere Sprachen. Insbesondere das monovokalische Wort „i“, mit dem in Österreich das Ego bezeichnet wird, stellt sozusagen eine Weltbestleistung dar, insofern nämlich hier das Wichtigste, also die eigene Persönlichkeit, in der absolut kürzesten und penetrantesten Form zu sprachlichen Abbildung gelangt.

Die Bemühungen der Engländer, die sonst Meister der Kürze sind, an die österreichische Marke heranzukommen, müssen als gescheitert angesehen werden, da sie nur in der Schrift zum Ziel geführt haben; im übrigen ist ihr „I“ – selbst wenn man von der unanständigen Großschreibung und von der gebrochenen, gleichsam schizophrenen Natur des Diphtongs „ai“ absieht – mit merkwürdigen Komplikationen verbunden. Klopft zum Beispiel in England jemand an die Tür, muss man rufen „who ist it?“; bei uns heißt das einfach „wer iss?“, und die österreichische Antwort „i!“ ist, verglichen mit „it’s me“ (mir? Mich?), geradezu genial zu nennen. In dieses „i!“ wird nämlich die ganze Persönlichkeit hineingezwängt, und es ist klar, dass jeder Österreicher alle seine Freundinnen und Freunde allein an der Art, wie sie an der Türe dieses „i!“ artikulieren, ohneweiters erkennen kann.

Um die Bivokale vollständig zu erfassen, müssen wir die Mathematik, und zwar die sogenannte Kombinationslehre, zu Hilfe nehmen. Wollen wir etwa alle zweigliedrigen Ausdrücke erhalten, die sich aus den drei Elementen a, e, i bilden lassen, so beweist uns die Kombinationslehre, dass es 32 = 9 Variationen gibt. Wenn wir auf Verdoppelungen, also auf (a,a); (e,e); (i,i) verzichten, so verbleiben 3!/(3 – 2)! = 6 derartige Ausdrücke. Verdoppelungen treten ja im allgemeinen nur bei Exklamationen auf (wenn wir von dem Ausdruck „a a“ absehen, der auch eine beschönigende, nur wenig volkstümliche Beziehung für Exkremente darstellen kann).

Beschränken wir uns also auf die oberen errechneten 6 Ausdrücke (a,e); (a,i); (e,a); (e,i); (i,a); (i,e), für die wir praktische Beispiele anführen wollen:

  • (a,e) Die Bemerkung „a e!“, bei der die Betonung auf dem gedehnten e liegt, ließe sich etwa mit „ach, ohnedies!“ ins Hochdeutsche übersetzen und käme etwa als Replik auf die Versicherung „er kommt e a“ (er kommt ohnedies auch) in Frage.
  • (a,i) „a i?“ bezeichnet eine ungläubige Frage (achso, ich?), wenn jemand der Verdacht kommt, er könnte gemeint sein.
  • (e,a) Siehe Beispiel 1
  • (i,a) Mit „i a“ wird in Österreich nicht ein Eselsruf bezeichnet (niemand, der je den Schrei eines Esels gehört hat, wird den Ruf mit „i a!“ wiedergeben), sondern „i a“ heißt einfach „ich auch“. Die sozusagen keuchende Umständlichkeit des Hochdeutschen wird hier auf die kürzeste und leichteste Weise beseitigt. „Des kann i a!“: ein Ausruf, wie er etwa einem österreichischen Schriftsteller willkürlich entschlüpfen mag, wenn er das Werk eines Konkurrenten durchblättert.
  • (i,e) Dieser Ausdruck erscheint z.B. in der Replik „Waß i e“ (das weiß ich ohnedies), die in wegwerfendem Tonfall verwendet wird, wenn ein anderer sich anschickt, sein Wissen auszubreiten. In der Melodie dieser Replik liegt die Abgebrühtheit dessen, der ein Kaiserreich verspielt hat.

Von den sechs Permutationen der Folge (a e i) wollen wir hier, der Kürze halber, nur eine, nämlich „i e a“ betrachten, die zum Beispiel in dem Satz „des hab i e a scho probiert“ (das habe ich ohnedies auch schon versucht) erscheint, wobei in die Betonung die tiefste Verachtung für irgendein Objekt oder einen Vorgang gelegt werden kann.

Abschließend sei bemerkt, dass die Definition des eingangs behandelten „i“ in Österreich in der einfachsten logischen Form, nämlich in der Tautologie, erfolgt: „i bin i!“

Quelle: „Fahrt zur Verbotenen Stadt – Satiren und Capriccios“ von Gerhard Amanshauser (Salzburger AV edition)