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Gut organisiert: Volkserhebung und Begeisterung für Hitler: Nach Bekanntgabe der Berchtesgadener Ergebnisse am 19. Februar und der Reichstagsrede Hitlers am 20. Februar 1938, die vom Österreichischen Radio übertragen wurde, setzten in den meisten Orten der Steiermark Demonstrationen und NS-Kundgebungen ein. In Graz verbrüderten sich die Demonstranten mit dem Militär. Viele trugen Hakenkreuzbinden, sangen deutsch-nationale Lieder und grüßten mit „Heil Hitler“. Die Rede Schuschniggs vor der Bundesversammlung am 24. Februar, die mit Lautsprechern vor jedes Rathaus des Landes übertragen worden war, bildete den nächsten Anlass für die spätere Bezeichnung „Graz – Stadt der Volkserhebung“: Tausende Nationalsozialisten hatten bereits eine Stunde vor der angekündigten Kanzlerrede den Hauptplatz besetzt. Der damalige Grazer Bürgermeister, Hans Schmid, wurde genötigt, die Hakenkreuzfahne zu hissen. Während der Kanzlerrede wurden lautstark das „Horst-Wessel-Lied“ gesungen und Kundgebungen veranstaltet. Diese Störaktionen sollten verhindern, dass Schuschniggs Rede von den Anwesenden verstanden werden konnte. Im Bild: Der Führer in Graz: Aus dem „Hauptplatz“ wurde der „Adolf Hitler Platz“. Fotos: Landesmuseum Joanneum / Bild- und Tonarchiv

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Graz, Stadt der Volkserhebung

Dienstag, 12. Mai 2020

.. bis vor 75 Jahren, dem Kriegsende 1945

An den Fakten hat sich ja nichts geändert, daher bringen wir anlässlich des 75. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs einen Bericht, den KLIPP schon zum 70. Jahrestag des Kriegsendes veröffentlicht hat. Bei den Gedenkfeiern wurden mehrmals – auch von Bundeskanzler Sebastian Kurz – die Wiederaufbauarbeit und die Leistungen der Kriegsgeneration hervorgehoben und gewürdigt. Völlig unpassend kam da aber der Vergleich zur Coronakrise. Auch jetzt werde man Österreich „wiederaufbauen“. Jene, die als Zeitzeugen diese schwierige Lebensphase erlebt haben, empfinden das als unangebracht. Die Lebenssituation damals ist mit der heutigen überhaupt nicht vergleichbar. „Das ist sowas von falsch, zeigt von wenig Wissen und Gespür, kann nur jemand sagen, der sich mit dem Kampf ums Überleben der Familien von damals niemals beschäftigt hat“, so ein Zeitzeuge.

Der dreiwöchige Propagandawahlkampf für die Volkserhebung am 10. April 1938 wurde in Graz sehr intensiv und unter Aufbietung höchster NS-Funktionäre geführt. Den Höhepunkt der NS-Kampagne bildete der Besuch Adolf Hitlers. 300.000 Steirer umjubelten ihren Führer. In den Hallen der Weitzer Maschinenfabrik gelang es ihm, am 3. April 1938 die dort in großer Zahl versammelten Zuhörer auf die bevorstehende Volksabstimmung einzuschwören.

Am darauffolgenden Palmsonntag 1938 sprachen sich 99,65 Prozent der Grazer für den Anschluss aus. Die Gegner des Regimes waren bei der Volksabstimmung nicht stimmberechtigt. Am Morgen des 12. März 1938 überschritten die deutschen Truppen die bayrisch-österreichische Grenze. Bereits am 19. März wurde der Grazer Hauptplatz zu Ehren des Führers in Adolf-Hitler-Platz umbenannt. Am 25. Juli 1938 gedachte man in Graz der nationalsozialistischen Helden des Juliputsches 1934 und benannte die schönsten Straßen und Plätze nach ihnen.

Wichtige Plätze und Gebäude der Nazis

Gaupropaganda- und Gaupresseamt
Vor allem das Gaupropaganda- und das Gaupresseamt hatten auf die öffentliche Meinung Einfluss zu nehmen. Beide Ämter befanden sich in der Parkstraße 1. Zusätzlich wurde die Süddeutsche Verlagsgesellschaft in Graz angesiedelt, die die Presse mit Nachrichten und Bildmaterial zu versorgen hatte.

Annenhofkino
Das Hauptpropagandainstrument in den Kinos vor und nach dem Anschluss bildeten die gleichgeschalteten Wochenschauen. Nach dem 12. März gab es die „Deutsche Wochenschau“. Das größte Kino war damals das Annenhofkino. Ab 19. März wurde dort der erste nationalsozialistische Monumentalfilm, nämlich Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“, gespielt.

Reichsrundfunk GmbH
1938 erwarb Franz Huber das Ferry-Schlössl in der Zusertalstraße; er gab es dem Reichsrundfunk zum Ankauf weiter.

Volksbildungsstätte Graz
In den Räumlichkeiten der Urania entstand die Volksbildungsstätte, deren Kurse ebenfalls darauf abgestimmt waren, die Menschen für den Nationalsozialismus zu gewinnen. Bereits in der Zwischenkriegszeit gab es neben einem gemäßigten einen sehr deutsch-national eingestellten Flügel innerhalb der Urania. Der damalige Leiter des Institutes, Dr. Fritz Gernot, organisierte bereits im April 1933 eine getarnte Geburtstagsfeier für Hitler.

Die Grazer Universität
An der Grazer Universität wurde sehr früh deutsch-nationales Gedankengut verbreitet. Bereits vor dem Anschluss durften die ersten drei Bankreihen in den klinischen Hörsälen nur von arischen Hörern besetzt werden (laut Aushang der Deutschen Studentenschaft). Für inländische Juden galt ein Numerus clausus. Viele Professoren waren aus rassischen oder staatspolitischen Gründen zu beurlauben. Die Grazer Universität hielt sich streng an diese Richtlinien. Für die Inskription war nun der Ahnennachweis vorzulegen, das Personal von politischen Gegnern und „rassischen Fremdkörpern“ zu säubern.

Steyr-Daimler-Puch AG Werk
Schon mit dem Einmarsch der Hitlertruppen in Österreich bestand der Plan, Flugzeugmotoren für die Rüstungsindustrie herzustellen.

Grazer Thalerhof
Noch im März 1938 wurde für die Fliegerhorste Zeltweg, Aigen und Graz-Thalerhof die Errichtung deutscher Horstkommandanturen befohlen. Am Militärflughafen Graz-Thalerhof wurde die Sturzkampf-Gruppe I/68, kurz Stuka-Geschwader genannt, aufgestellt.

Fürstbischöfliches Palais
Das nationalsozialistische Regime richtete sein Hauptaugenmerk auf das fürstbischöfliche Palais und auf Fürstbischof Stanislaus Pawlikowski, der als Gegner der NS-Ideologie galt. Am 13. März 1938 drangen Nationalsozialisten in das Palais ein und nahmen Pawlikowski gefangen. Er war und blieb der einzige regierende Diözesanbischof im so genannten Großdeutschen Reich, der eingesperrt wurde.

Barmherzigenkloster
Nach dem Anschluss an Deutschland wurden der katholischen Kirche alle Klöster weggenommen. Im Kloster der Barmherzigen Schwestern in der Mariengasse befand sich bis 15. Juni 1941 ein Frauenlager.

Auffanglager
Die Schwitzermühle in der Körösi­straße 17 und das Schweizerhaus am Hilmteich waren neben anderen als so genannte Auffanglager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter vorgesehen.

Zollfahndungsstelle für Sühneabgaben
Ein wesentliches Ziel der nationalsozialistischen Machthaber war es, das Vermögen jener Juden, die um Auswanderung ansuchten, einzuziehen. So mussten die Auswanderungswilligen zuerst Reichsfluchtsteuer und Judenabgabe zahlen, ihre Wohnungen aufgeben und Vollmachten über ihre Bankkonten erteilen. Alles, was sie dafür bekamen, war ein Pass, mit dem sie innerhalb von 14 Tagen das Land verlassen mussten, andernfalls drohte das KZ.

Synagoge
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der so genannten Reichskristallnacht, wurden in Graz die Synagoge am Grieskai, die Zeremonienhalle am Wetzelsdorfer Friedhof sowie die Schule und die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde von SA- und SS-Truppen zerstört. Bereits zu Jahresende 1939 waren die Steiermark und Graz „judenrein“.

Gestapo-Gefängnis
Im Gestapo-Gefängnis Paulustor waren vor allem Gegner des Regimes inhaftiert. Starb jemand an den Folgen der Verhörpraktiken, wurde üblicherweise von den Behörden „Selbstmord in der Zelle“ als Todesursache angegeben.

Gefängnisanstalt Karlau
In die Karlau wurden vor allem politische Gegner des Regimes überstellt. Von 1938 bis 1945 waren in diesem Gefängnis etwa 36.000 Menschen inhaftiert, 8.000 wurden hingerichtet. Am 19. Februar 1945 fielen 21 Bomben auf das Anstaltsgebäude. Die Anstalt wurde zu 70 Prozent zerstört. 108 Insassen, 13 Justizwachebeamte, ein Hilfspolizist, ein Angestellter und 2 Werkmeister der Puchwerke wurden getötet.

Militärschießplatz Feliferhof
Eine halbe Gehstunde von Wetzelsdorf entfernt, Richtung Hitzendorf, liegt jener Militärschießplatz, den die SS und die Gestapo ab 1941 zum Vollstrecken der Todesurteile benutzten.

Luftschutzstollen im Schlossberg
Insgesamt wurden 6.300 Meter Luftschutzstollen mit 20 Ausgängen ausgebrochen. Für die Zivilbevölkerung standen 17 Stolleneingänge zur Verfügung. Die SS-Ärzteakademie war in Graz am Rosenberggürtel 12, in der Landes-Taubstummen-Anstalt, angesiedelt. Dort gab es Unterdruckversuche mit Patienten; aus 21.000 Meter Höhe wurden Absprünge aus dem Flugzeug simuliert. 70 bis 80 Menschen kamen ums Leben, zum Beispiel durch Abspritzen von tödlichen Substanzen ins Herz. Sinti und Roma wurden absichtlich mit Gelbsucht- und Fleckfieber-Viren infiziert. Die Wirksamkeit von Giftgasen wurde ausprobiert. Menschen wurden ermordet, weil ihre Skelette besonders interessant für die Reichsuni in Straßburg gewesen sein sollen. Häftlinge wurden in Eiswasser gestellt, und man schaute, wie lange sie das aushalten. Hauptverantwortlicher dort war Dr. Hans Bertha, auch für die NS-Euthanasie-Programme. Er war auch Leiter des Steinhofs und T4-Gutachter. Bertha wurde im Jahr 1954 außerordentlicher Universitätsprofessor in Graz, leitete von 1960 bis 1963 die Psychiatrie in Graz bzw. die Neurologische Klinik am LKH Graz.