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Manfred Prassl mit seiner Tochter Bettina: „… man braucht viel Geschick und G’spür.“ Fotos: Heimo Ruschitz

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„Mein weitester Stammkunde kommt aus Tokio“

Freitag, 01. Mai 2020

Am Beispiel Vörösmarty: Erst Boutiquen und Fachgeschäfte geben der Innenstadt ihr Einkaufsflair

Heute gehören H&M, Zara, Douglas oder New Yorker zur Standard-Einkaufskulisse vieler größerer Innenstädte. Prägen tun das Bild einer Einkaufsstadt allerdings die vielen Boutiquen und Fachgeschäfte mit ihrem Flair. Nicht zufällig stehen italienische Städte mit ihren familiengeführten Unternehmen bei den Einkauffans so hoch im Kurs. „Es sind die, die ihr ganzes Herzblut ins Geschäft stecken, die einfach Freude am Verkaufen haben“, sagt Manfred Prassl. Seine Boutique Vörösmarty liegt auf halbem Weg in der Sackstraße zwischen Schloßbergplatz und Schloßbergbahn. Zum Gespräch treffen wir ihn im Schloßberghotel von Helmut Marko, bekanntlich langjähriger Red-Bull-Motorsportchef. Sein Haus ist eine Art Boutique-Hotel, ausgestattet mit zeitgenössischer Kunst und klassischen Möbeln. Beides macht die Atmosphäre in der Lounge aus und das Hotel zu einem Schmuckstück in der Altstadt.

Die Boutique Vörösmarty (gesprochen: Vöröschmarti) ist Träger eines ganz berühmten Namens, nämlich vom ungarischen Dichter und Schriftsteller Mihály Vörösmarty, nach dem auch ein Platz in Budapest benannt ist.

Verkaufen liegt ihm im Blut
Manfred Prassl hat in den letzten 30 Jahren sein Geschäft von der Größe her verdreifacht. „Wenn du wachsen willst, dann heißt es fleißig arbeiten, immer da sein, das Geld wieder in die Firma stecken, das du verdient hast.“ Und diese Einstellung hat er von seinen Eltern – der Mutter und dem Ziehvater Ludwig Vörösmarty, einem ungarischen Rittmeister. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs baute dieser in Graz eine Gürtel- und Schuherzeugung auf. Ein Verkaufsschlager damals: Aufsteckkrägen aus weißem Kunstleder. Diese waren waschbar und damit hatte jeder Kellner, jeder Beamte tagtäglich einen frischen, weißen Kragen. „Das Geschäft lief gut und meine Mutter hatte das Verkaufen auch im Blut“, verweist Manfred Prassl darauf, dass schon seine Großmutter aus einer Kaufmanns-
familie in Bergamo herkam.

Viel G‘spür für schöne Dinge
Für ihn war nach dem Besuch der Handelsschule schnell klar, dass er im elterlichen Geschäft bleiben wollte, das er mittlerweile vor mehr als 40 Jahren übernommen hat. „Es war ein langer Lernprozess, denn du brauchst viel G’spür beim Einkaufen der Ware. Da habe ich bei unseren Fahrten nach Mailand viel von meiner Mutter gelernt. Schöne Sachen gibt’s unendlich viele, aber die Kunst und das Geschick bestehen darin, das einzukaufen, was in deinem Geschäft verkaufbar und für deine Kunden tragbar ist. In Graz lassen sich Dinge in der extrem hohen Preisklasse ganz schwer verkaufen.“ Und es sei wichtig, ständig auf dem Laufenden zu bleiben. „Ich schaue mir jeden Tag in der Früh beim Kaffee eine Modezeitschrift durch und überlege: Welche Taschen und Schuhe könnten für uns gut passen? Es muss logischerweise Markenware sein.“ Seit knapp zehn Jahren unterstützt ihn dabei seine Tochter Bettina Gabbauer, die das Geschäft später einmal übernehmen wird. „Und sie hat viel G’spür für schöne Dinge. Da brauche ich mir keine Sorgen machen. Es liegt offensichtlich in den Genen“, sagt Manfred Prassl. Eine Erkenntnis: „Es gibt für jede Ware einen Abnehmer, aber nicht für jede einen guten Verkäufer.“

Seinen Erfolg führt Manfred Prassl auch darauf zurück, dass er Kunden nicht selten überzeugt, sich anders zu entscheiden. „Wenn zum Beispiel eine kleine Person einen riesigen Beutel als Tasche nimmt, dann rate ich davon ab. Man kann das mit Geschick lenken und damit den Kunden auf lange Sicht zufrieden machen. Für mich als Mensch ist der größte Reichtum die Zufriedenheit, meinen Kunden das Passende verkauft zu haben.“ Das Aussuchen auf den Modemessen in Mailand oder sonstwo sei in unseren schnelllebig gewordenen Zeit immer wieder eine große Herausforderung und natürlich auch mit finanziellem Risiko verbunden. „Aber wir denken immer positiv. Unser Geschäft ist ein hartes Brot und du kannst nur zufrieden sein, wenn dir das Verkaufen Spaß macht.“ Das hat er von seiner Mutter gelernt, die ihm aber auch genügend Freizeit gab. „So habe ich alle meine Sportarten wie Eishockey, Tennis und dann auch Segeln betreiben können.“ Und er hat als Katamaran-Segler am Neusiedlersee mit seinem Freund auch zwei junge Buben dafür begeistern können: Roman und Andy Hagara, die schon Europa- und Weltmeisterschaften gewonnen haben.