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Geschrieben von klipp   
Friday, 29 May 2009

Als Ö3-Lebenscoach ordiniert Psychiater Alexander Bernhaut zu nächtlicher Stunde

Rufen Sie mich an, reden wir über Ihr Problem“, ermuntert der 46-jährige Psychiater mit wohlklingender Stimme die Ö3-Hörergemeinde. Und hunderte wollen das und folgen seiner Einladung. Jene, die „on air“ nicht drankommen, bekommen ihre Chance nach der Sendung und auch die Tage danach.

Keine Zärtlichkeiten
Walter, ein 22-jähriger Kärntner, will vom Lebenscoach wissen, was er von der Beziehung zu seiner Freundin halten soll. Er habe vor längerer Zeit im Toto gewonnen, damit verfüge er über Geld und seine Freunde raten ihm von der Beziehung ab, er möge sie beenden. Es gäbe auch keine Zärtlichkeiten mehr, öffnet er sich dem Lebenscoach, und sie gehe mit ihm auch nicht aus, wohl aber mit seinem Bruder oder Freunden. „Wie soll ich mich verhalten?“ Sein größtes Problem, er sei sehr schüchtern und habe auch lange, lange überlegt, ob er sich überhaupt beim Lebenscoach melden sollte. Das sei schon richtig gewesen, macht Bernhaut dem Kärntner Mut. Habe es schon ein Gespräch gegeben oder mehrere, wo das Problem erörtert worden sei? Ja, er habe schon alles versucht, aber es habe nichts genützt. Irgendwann, so Bernhauts Rat, sei es an der Zeit, sich zurückzuziehen, die Dinge nicht mehr zu betreiben. Das müsse er sich selbst wert sein, apelliert Bernhaut an das Selbstgefühl seines Fragestellers. Das sei oft schwierig, auch schmerzhaft, aber der einzige Weg. Schnell und gekonnt definiert der Psychiater beim jeweiligen Hörer den Kern des Problems. Behutsam bietet er Lösungsversuche an, wird aber nie verletzend, wenn er seinem unsichtbaren Gegenüber erklärt, dass in dieser Phase alles ausreichend besprochen sei.

„Und ich hab‘ sofort ja gesagt“

Seit Juli 2008 ist der Ö3-Live-Talk am Montag von 22:00 bis 24:00 Uhr auf Sendung, seine spätabendliche Fan-Gemeinde wächst ständig. Die Sendung komme ausgesprochen gut an, vermerken die Verantwortlichen von Ö3. Zustande gekommen ist die Kooperation mit dem ORF anlässlich einer Vernissage. „Könnten Sie sich vorstellen, so etwas zu machen?“, hat es da geheißen. „Und ich habe sofort Ja gesagt“, erinnert sich Bernhaut. „Denn die Vermittlung meiner Vorstellungen und die Lösung von Problemen im Beisein einer großen Zuhörerschaft liegt mir sehr am Herzen.“ Das versucht er seit dem Jahr 2000 auch auf der Sprechstundenseite in der Krone. „Diese Erfahrung nützt mir jetzt natürlich.“*

Die Regie spielt den nächsten Musik-Titel ab, dann ist wieder der Lebenscoach an der Reihe. Eine junge Anruferin, Daniela, will ein zweites Kind, doch der Partner sträubt sich dagegen. „Was soll ich tun?“, fragt sie den Ö3-Lebenscoach. „Machen Sie keinen Druck, genießen Sie die Zweisamkeit. Sie sind beide noch so jung und es wird schon einmal passen. Das wäre mein Rat.“

„I feel it on my finger, I feel it in my toes …“, spielt der Sendungsregisseur die passende CD als Ausklang. Dann trauert Roman „on air“ vor hunderttausenden Hörern einer Freundschaft nach. „Seitdem er eine Freundin hat, blockt er jeden Kontakt zu mir ab.“ Bernhaut, fast wie ein Weiser: „Es gibt keine garantierten Lebensgüter. Aber ich glaube dennoch, Roman, Sie werden es schaffen“, spricht er ihm Mut zu.
Die zwei Stunden sind Hochleistungssport, wie viele Sprints hintereinander. „Ich hackle ordentlich“, so Bernhaut. „Als ehemaliger Leistungssportler – Fußballer bei Austria Wien und Admira Wacker – bis zum 19. Lebensjahr bin ich gewohnt zu kämpfen. Ich habe praktisch keinen einzigen Tag auf den Beginn der (Facharzt-)Karriere warten müssen; das ganz ohne Protektion, obwohl mein Vater als Kardiologe in Wien tätig war“, zeigt er auf.
Image
Die große Kunst ist, in den wenigen Minuten die Gedanken seines unsichtbaren Gegenübers so gut wie möglich zu antizipieren. „Keiner steht vor mir und das ist schon ganz was anderes. Da muss ich sehr rasch abchecken, wie ich ins Gespräch hineinkomme und dann auch einen Lösungsansatz vermitteln kann. Das war für mich natürlich völliges Neuland, mich in eine Person hineinzudenken, die ich nicht kenne und die ich nicht sehe. Aber ich bin im Laufe der Sendung natürlich an diesen Dingen auch gewachsen.“

Seine Ausbildung machte er im Landesnervenkrankenhaus Rankweil in Vorarlberg – allgemein auch als Valduna bekannt. „Unsere menschliche Psyche ist auch ein Organ, das seelische Element zum Teil sehr rätselhaft, fast mystisch. Es gibt viele Fragezeichen. Dies ist auch die große Herausforderung für den Psychiater und/oder Therapeuten“, so Bernhaut.

Nach dem nächsten Musik-Break wird die Karin ins Studio durchgeschalten. „So, Karin, was belastet Sie?“, leitet Bernhaut ein. „Meine Freunde haben mich im Stich gelassen, meiden mich, nachdem sie erfahren haben, dass ich zwei Tumore habe.“ Sie versteht die Welt nicht mehr. „Können das wirklich Freunde sein?“, tastet sich Bernhaut vorsichtig vor. „Lassen wir das einmal so stehen“, bemerkt er, als Karin noch einmal auf die Freundschaft pocht und sagt: „Ich war immer für sie da, wir waren täglich zusammen, und jetzt?“ Bernhaut: „Könnte es sein, dass Sie zu viel da waren?“

Und wer wählt im Vorfeld der Sendung aus?

Die Rolle des Schleusenwärters liegt bei Florian Albert, einem Freund des Lebenscoaches Alexander Bernhaut. Dieser hört sich die Schicksale, Wünsche, Fragen vorerst einmal an und entscheidet dann, was und wer auf Sendung kommt.
Vor elf Jahren machte sich Alexander Bernhaut selbstständig, weiß daher sehr gut, was einen Psychiater ausmachen kann. „Natürlich habe ich am Anfang Lampenfieber gehabt und es ist noch immer eine große Spannung in der Sendung, aber die Routine nimmt auch zu.“ Er vergleicht das auch mit dem Sport. „Wenn viel Publikum da war, dann war ich, waren wir besser, das motiviert und spornt an“, sagt er. Da und dort spürt er den Neid der Kollegenschaft bereits, denn wegen seiner zunehmenden Bekanntheit sprechen ihn doch viele Menschen an. „Aber mir ist schon bewusst, dass ich kein Boris Becker bin“, in diese Falle werde er nicht tappen. Allerdings gibt er zu: „Ich habe natürlich Blut geleckt, aber ich weiß doch, wie ich mich da verhalte.“ v

• Im Herbst 2009 erscheint Alexander Bernhauts Buch „Ein Indianer kennt keinen Schmerz! – und andere (Halb-)Weisheiten“ (randomhouse Verlagsgruppe).

 
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