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Willi Krautwaschl bei der Bischofweihe im Jahr 2015. Gerd Neuhold / Sonntagsblatt

800 Jahre Diözese Graz-Seckau im Jahr 2018. Foto: Heimo Ruschitz

800 Jahre Diözese Graz-Seckau im Jahr 2018. Foto: Heimo Ruschitz

Bischof Krautwaschl macht Kanzler Kurz „die Mauer“

Mittwoch, 03. Februar 2021

Der gestrige Bericht mit dem offenen Brief an Bischof Krautwaschl hat Bischof Krautwaschl: Kein Mut zu offener Kritik an Kurz hat zu einer Reaktion des Bischofs geführt – allerdings nicht direkt, sondern durch seinen Pressesprecher Thomas Stanzer. Wie erwartet: ausweichend und ohne Kritik an der Haltung der Regierung.

S. g. Hr. Lehner!
Danke für Ihre Nachricht an Bischof Wilhelm, der mich gebeten hat, Ihnen zu antworten. Es mag verlockend sein und dem Zeitgeist entsprechen, schwere Geschütze gegen jene aufzufahren, die anderer Meinung sind und andere Strategien vertreten als die, die man selbst bevorzugt. Die österreichischen Bischöfe versuchen, anstatt verbales Porzellan zu zerschlagen, Interessen zusammenzuführen und dabei alle Aspekte zu berücksichtigen, die es zu bedenken gibt. Bischof Wilhelm hat die Situation in den Lagern klar benannt und sich dafür ausgesprochen, Menschen aufzunehmen, wie es die Bereitschaft bei uns zulässt. Jemand anderem (der Regierung) gleichzeitig den schwarzen Peter zuzuschieben, der sich in diesem Moment nicht mal verteidigen kann, ist im Sinne eines konstruktiven Gesprächsklimas nicht zuträglich. Das mag der Stil in der Politik sein, aber nicht in der Kirche.
Mit den besten Grüßen,
DI Thomas Stanzer MA
Pressesprecher/Spokesperson
Diözese Graz-Seckau

Werter Herr Dipl.-Ing. Stanzer!

Danke für Ihre Rückantwort im Namen des Herrn Bischof. Ich weiß ja nicht, was er Ihnen aufgetragen hat, aber: Geht es noch höher vom Ross herunter?

Es geht da um schwere Schicksale von Menschen, um das Überleben von jungen und alten Menschen, die auf der Flucht sind und Sie sprechen da von „es mag verlockend sein und dem Zeitgeist entsprechen, schwere Geschütze gegen jene aufzufahren, die anderer Meinung sind …“ Sie reden da von „verbalem Porzellan zerschlagen“ und wollen nicht akzeptieren, dass da täglich noch mehr Leid in die Welt gesetzt wird, weil nicht klar und rasch und nachhaltig gehandelt wird. Jeder Mensch, der in diesem Lager erkrankt oder gar verstirbt, weil die Bedingungen menschenunwürdig sind, ist einer zu viel. Da sind wir sicher einer Meinung.

Nicht klare Worte von Ihnen (die offensichtlich nicht das Ihre sind) oder von mir werden dort möglicherweise ein Menschenleben oder zumindest die Zukunftschancen verbessern, sehr wohl können das aber offene Worte eines Bischofs erwirken. Besonders schuckelig finde ich ja Ihre Sätze: „Jemand anderem (der Regierung) gleichzeitig den schwarzen Peter zuzuschieben, der sich in diesem Moment nicht mal verteidigen kann, ist im Sinne eines konstruktiven Gesprächsklimas nicht zuträglich.“

Das mag der Stil in der Politik sein, aber nicht in der Kirche. Bei einer Aufgabe in der Schule würde man sagen: Thema nicht wirklich getroffen. Denn warum sollte sich Kanzler Sebastian Kurz und die Regierung nicht verteidigen können? Sie haben sicher auch schon gehört von der Tatsache „es ist Gefahr in Verzug und daher gehört rasch gehandelt“.

Und besonders salbungsvoll finde ich die Formulierung „… den schwarzen Peter zuzuschieben“. Eine Frage dazu: Wer sonst als Herr Kurz und Co. verhindern, dass die Hilfsbereitschaft von vielen Österreichern nicht möglich wird, weil nicht einmal einige der Ärmsten unter den Armen unseren betreten dürfen?

Und weil Sie wieder davon sprechen „Stil in der Politik, aber nicht in der Kirche“: In meinem Freundes- und Bekanntenkreis sind praktisch alle in der Kirche, werter Herr Dipl.-Ing. Thomas Stanzer, und kritisieren das fehlende Handeln der Verantwortlichen in der Kirche. Dass Sie das tun müssen, akzeptiere ich. Weil Sie ja dort Ihr Einkommen (für Ihre Familie) beziehen. Bleibt nur zu hoffen, dass Sie das als Gläubiger in Ihrem privaten Kreis anders sehen.

Da geht’s nicht darum, dass einer auf den anderen einschlägt, sondern dass der, der helfen kann, eine Situation zu verändern, es mit aller Kraft tut. So wie Familien (auch in meinem Umfeld) dafür bereit sind, Menschen in Not aufzunehmen und zu helfen (sofort!), so ist es auch die heilige Pflicht (bewusst so formuliert) des Bischofs, sofort zu helfen. Er kann dies tun, indem er klare Forderungen über die Öffentlichkeit an den Kanzler der Republik richtet. Nicht zuletzt, weil er weiß, dass er das auch im Sinne und mit stiller Unterstützung zigtausender Gläubiger tut.

Wäre ganz nett, wenn der Bischof wirklich das Mail in die Hand bekommt und es nicht vorher – natürlich nicht gewollt – in der Rundablage landet.

Mit freundlichem Gruß
Jürgen Lehner