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Nach Wutausbruch über Türkei-Wahl: „Über Nacht plötzlich 1,6 Millionen Aufrufe auf meinem Facebook-Account. Da habe ich begriffen, was ein eigenes Medium ist.“ Foto: Klipp

Buchcover

„FPÖ-intern nannte man mich ,mini‘“. Mit 1,73 m würde er seinem Namen nicht gerecht werden.

„FPÖ-intern nannte man mich ,mini‘“. Mit 1,73 m würde er seinem Namen nicht gerecht werden.

Screenshot (Youtube-Kanal Grosz)

Screenshot (Youtube-Kanal Grosz)

Sich immer wieder neu erfinden müssen

Donnerstag, 12. August 2021

Ex-Politiker Gerald Grosz ist ein Meister darin. Er vergöttert(e) Jörg Haider.

Als Politiker waren die Erfolge bei seinen eigenen Wahlgängen äußerst bescheiden. Als wild gewordener Kommentator der politischen Situation in einer leicht zynischen, humorvollen Art folgen ihm in der wöchentlichen Fernsehshow des Senders oe24 rund 150.000 Zuseher. Auf seinem Youtube-Kanal sind es 100.000, die sich seine Kommentare anhören und auf Facebook schafft er bis zu 200.000 Likes. „Ich habe mich in meinem Leben mehrmals neu erfinden müssen“, blickt der heute 44-Jährige zurück.

Grüß Gott, Herr Landeshauptmann. Grüß Gott, Frau Voves.“
Gerald Grosz nickt höflich in deren Richtung beim KLIPP-Gespräch, als das Ehepaar die Hofgasse Richtung Sporgasse spaziert. Wir sitzen nach der Präsentation seines neuen Buches „Freiheit ohne Wenn und Aber“ im Stocker Verlag im Gastgarten gegenüber der Hofbäckerei Edegger. „Einmal Landeshauptmann, immer Landeshauptmann“, begründet er seine Reaktion. Das Corona-Jahr hat er auch zum Schreiben für sein Buch genützt. „Mein Mann und ich haben die meiste Zeit in unserem Haus in Höch am Demmerkogel verbracht.“ Das Paar wohnt sonst aber in Graz.

Superstar Jörg Haider als „Menschenfischer“
Gerald Grosz war Jörg Haider bis zu dessen Tod am 11. Oktober 2008 ein treuer Gefolgsmann. Als solcher war er ihm auch zum BZÖ gefolgt. „Ich war 15“, erzählt er, im weststeirischen Deutschlandsberg aufgewachsen. Jörg Haider hat auf seiner Wahl-Tour auch Stopp in Deutschlandsberg gemacht – mit dem Nimbus des Superstars. „Er war der Michael Jackson der Politik. Ich, als kleiner Noppel, bin einfach ,Haiderschauen‘ gegangen.“ Der jugendliche Grosz war zwar politisch interessiert, aber kein Mitglied in der FPÖ.

Um Jörg Haider zu imponieren, nahm ihn ein lokaler FPÖ-Politiker an die Hand und sagte: „Das ist unsere Zukunftshoffnung.“ Jörg Haiders erste Worte an Gerald Grosz: „Freut mich, aber wenn ich das nächste Mal komm’, möchte ich mehr Einsatz sehen von der Jugend.“ Grosz rückblickend: „Er war ein Menschenfischer. Ich war ab diesem Zeitpunkt von ihm elektrisiert. Alles musste zurückstecken.“

Der 15-Jährige scheiterte in der HAK Deutschlandsberg. Die Politik war in der Folge sein Weg – Freiheitliche Jugend, Jugend-Obmann und FPÖ-Gemeinderat in Deutschlandsberg. Von der „Alt-Herren-Truppe“ dort im Rathaus belächelt, findet Grosz in der Bevölkerung Zuspruch. Bei der EU-Wahl im Jahr 1996 schaffte die FPÖ in Deutschlandsberg mit 24,34 Prozent ihr bestes Ergebnis und ließ damit die ÖVP hinter sich. Das war auch dem Gespür des jungen Grosz für Reizthemen zu verdanken. Der Jung-Politiker damals bereits polemisierend: „Bei den eklatanten Telefonrechnungen möchte man meinen, das Deutschlandsberger Rathaus hätte Außendienststellen auf den Bahamas oder in Hongkong.“ Aber dafür habe der 70.000 Einwohner zählende Bezirk Deutschlandsberg nur eine Facharztstelle für Kinderheilkunde.

Am 9. Dezember 1997 wird Grosz einstimmig zum Stadtparteiobmann der FPÖ in Deutschlandsberg gewählt. Mit 21 Jahren ist er damit der jüngste Stadtparteiobmann in Österreich. In dieser Phase lernte er auch Beate Hartinger kennen. Sie war Gesundheitssprecherin der steirischen FPÖ und kandidierte für den Nationalrat. „Ich hab’ den Wahlkampf für sie organisiert. Und dann hat sie mir angeboten, mit ihr nach Wien zu gehen – als Mitarbeiter im Parlament. Ich hab’ darin eine Chance gesehen und ja gesagt.“

In Wien ging es dann Schlag auf Schlag. Herbert Haupt, ein Kärntner Kollege von Beate Hartinger im Parlament, wurde durch einen Rücktritt über Nacht Sozialminister (von 2000 bis 2005). „Er machte mich zu seinem persönlichen Sekretär und Pressesprecher. Das waren die prägendsten Jahre für mich“, so Grosz.

Am 31. März 2015 war Schluss
Bald dann der nächste Karrieresprung. Mit der Spaltung der FPÖ durch Jörg Haider und der Gründung des BZÖ im Jahre 2005 stieg Grosz zum Generalsekretär des BZÖ auf und wurde auch dessen steirischer Landesparteiobmann. 2009 dann der Sprung in den Nationalrat. Bei Wahlgängen mit ihm als Spitzenkandidat auf Landesebene war sein Abschneiden aber desaströs. Das BZÖ schaffte den Sprung in den Landtag nie. 2013 – Jörg Haider war bereits fünf Jahre tot – schaffte das BZÖ mit Sepp Bucher als Spitzenkandidat und Parteiobmann den Wiedereinzug in den Nationalrat nicht. „Ich wurde dann der Masseverwalter des BZÖ und letzter Parteiobmann. Bis ich dann am 31. März 2015 zu meinem Thomas gesagt habe: Jetzt hab’ ich es kapiert. Du musst wissen, dass du einen toten Esel halt nur bedingt reiten kannst. Irgendwie verwest er unter dir und du selbst auch. Weil du kein Brennen mehr in dir verspürst, das aber für die Politik nötig ist. Jetzt ist Schluss. Irgendwann musst du verstehen, dass ein Tritt in den Hintern auch ein Schritt nach vorne sein kann.“

Gerald Grosz heute im Rückblick: „Das BZÖ war eine Wahlplattform für Jörg Haider, von den Inhalten her eine Art Schnittlauchmischung, sozialpolitisch links, sicherheitspolitisch ganz rechts, aber keine gewachsene Partei. Wir waren so vermessen zu glauben, die Nachfolge antreten zu können, haben aber dazu fünf Jahre gebraucht, um das zu begreifen. Jedem war klar, dass mit dem Tod von Jörg Haider auch die Plattform tot war. Alle wussten das, nur wir wollten das nicht zur Kenntnis nehmen. Unsere Zeit als Abgeordnete war eine Art verlängerte Trauerzeit. Wir haben den Fehler gemacht, unsere persönliche Eitelkeit in den Dienst der Sache zu stellen.“

Er suchte sich ein Tätigkeitsfeld außerhalb der Politik, wurde Rhetorik-Trainer und warb über seinen Social-Media-Kanal dafür. Er versprach seinen Kunden dabei Schlagfertigkeit, Verhandlungsstärke, Selbstsicherheit. Parallel dazu arbeitete er auch als Konsulent für Harald Fischl. Dieser war wie Grosz ein loyaler Anhänger von Jörg Haider und war beim Einstieg von Gerald Grosz im Jahr 2015 noch erfolgreicher Betreiber von Seniorenheimen. „Ich bin dort freiberuflicher Berater gewesen und wir haben gut zusammengearbeitet.“ Private Veränderungen im Leben von Harald Fischl führten dazu, dass dieser dann seine Seniorenheim-Kette verkaufte und Gerald Grosz sich anderen Aktivitäten zuwandte.

Wieder ein Neustart
Gerald Grosz saß im Auto und fuhr von Triest Richtung Graz. Er hörte in den Nachrichten, dass 70 Prozent der österreichischen Türken am Wahltag in der Türkei ihre Stimmen für Erdogan abgegeben hatten. Darüber regte sich Gerald Grosz fürchterlich auf. In einem spontan aufgenommenen Handy-Video sprach er sich seine Wut von der Seele. Dieses endete mit der Formulierung: „Schleichts eich zurück in die Türkei.“ Als er dann in den nächsten Tagen sein Handy nahm, glaubte er, zu träumen oder falsch zu sehen: 1,6 Millionen Aufrufe gab es. „Damals habe ich gesehen, ich kann mein eigenes Medium machen.“ Und das war dann auch der Fall.

Auf seinem Youtube-Kanal und auf Facebook wuchs die Zahl seiner Anhängerschaft praktisch täglich. Die Leute bestärkten ihn, damit nicht aufzuhören. Bis oe24-Chef Wolfgang Fellner an ihn herantrat und ihm anbot, eine wöchentliche Live-Diskussion mit dem „linken“, sprachlich gewandten Rudi Fußi zu machen. Der rhetorische Schlagabtausch schlug bei den oe24-Sehern ein. Bis heute – auch wenn ihm nun im Studio Sebastian Bohrn Mena gegenübersitzt.

Gratulationen von bischöflicher Seite
Grosz sieht sich selbst nicht als politischer Analyst, sondern als Entertainer. „Ich verstecke mich nicht hinter einer nicht vorhandenen Objektivität.“ In Sebastian Kurz hatte er am Anfang auch so etwas wie einen Jörg Haider gesehen, besonders in Wahlkämpfen erinnerte er ihn daran. Heute sein Befund darüber: „Übrig geblieben ist ein junger Mensch, ziemlich verantwortungslos.“ Für ihn ist es der größte Wahlbetrug in der Zweiten Republik. „Kurz trat an, um aufzuräumen und jetzt zeigt sich die Entlarvung, dass die Wähler betrogen worden sind.“ Es gäbe ein Wort von Metternich, wo es heißt: Den Fürsten beurteilt man an der Auswahl seiner Freunde. Oder Minister. „Kein Mensch in der ÖVP, kein Wähler wird und will zugeben, dass er getäuscht worden ist. Denn dann müsste er sich selbst pardonieren.“

Privat lebt Gerald Grosz seit 2010 in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Er machte diese aber lange nicht öffentlich, weil er nicht nach seiner Sexualität beurteilt werden wollte. Als er bei einem Spitalsaufenthalt angeben musste, welche Person zu verständigen sei, überlegte er kurz und gab erstmals Thomas offiziell als seinen Lebenspartner an. Die beiden beantragten dann beim Magistrat Graz einen Termin für die Eintragung dieser Partnerschaft. Durch eine Indiskretion im Grazer Rathaus erfuhren davon auch Journalisten. Die Folge waren dann große Berichte – auch auf der Titelseite – über sein Coming Out. Das war am 10. Mai 2013.

Coming Out
Plötzlich war Gerald Grosz zum Role Model für die Schwulenszene geworden. Was ihn überraschte und freute, war aber: „Ich habe von allen Seiten Glückwünsche zu diesem freudigen Anlass bekommen.“ Vom Ultra-Rechten und Katholiken Ewald Stadler, seinem ehemaligen Kollegen im Nationalrat, selbst Vater von fünf Kindern, und von vielen anderen. „Sogar von bischöflicher Seite hat man mir gratuliert.“