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Der KLIPPer als Prophet

Montag, 27. September 2021

Schöne Grüße vom Meer … ins Grazer Rathaus

Man muss kein Meinungsforscher sein, um die Haltung, Einstellungen, Stimmungen der Bürger aufzunehmen und zu erkennen. Und die sind ja diesmal in Graz gehörig daneben gelegen. Wie auch die Wahlverlierer, deren Standardsatz dann lautet: Wir haben es nicht geschafft, unsere Themen noch näher und besser an die Wähler, sprich Bürger, heranzutragen. Eine Aussage ohne „Wirklichkeitswert“. Würde man diesen Standardsatz ernst gemeint haben, dann wären diese politischen Gruppierungen schon längst wieder auf der Erfolgsspur.

Unser KLIPPer Reinhard Schuch hat mit seinem Kommentar „Schöne Grüße vom Meer“ das Ergebnis des Wahltages tatsächlich vorausgefühlt. Aber lesen Sie selbst:

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Schöne Grüße vom Meer

Jetzt bin ich schon über einen Monat am Meer, beobachte die Segelboote, sitze in meinem Stammcafe, lese Joseph Roth und habe Besuche. Es ist gar nicht so leicht, Kontakt zu den Geschehnissen zuhause zu halten, alles ist in die Ferne gerückt. Es gibt eine neue Flugverbindung von Graz nach Stuttgart, lese ich, vielleicht sollte ich einmal in die schwäbische Metropole, ich mag den Dialekt, ich könnte in einer Kneipe Wurstspätzle essen und den Einheimischen zuhören, oder ein Fußballspiel anschauen, Stuttgart gegen Bayern, das wäre was. Ich könnte den schwäbischen Freund besuchen, der die meiste Zeit in Graz lebt, ein Treffen in seiner Heimatstadt wäre anders. Eba, so isch, sagt er.

Dummerweise gehöre ich zum ersten Mal zur Gruppe der Nichtwähler, weil ich zu spät an die Wahlkarte gedacht habe, man wird zerstreut am Meer, ich muss mich zusammenreissen. Wird es vielleicht bei der Wahl in Graz ein dunkelrotes Märchen geben? Der Bürgermeister soll angeblich unrund sein, die Umfragen waren nicht so toll und möglich ist in Graz bekanntlich alles. Mir gefällt die KPÖ, weil ich diese Partei für die mit der meisten Volksnähe und dem größten sozialen Engagement halte. Mich beeindruckt, dass ihre Exponenten einen Großteil ihres Gehalts in einen Fonds für sozial Schwache geben, das erinnert mich mehr an Franz von Assisi und den Hl. Martin als an Karl Marx. Die anderen Parteien verwalten vor allem ihre Pfründe, die muss man nicht noch unterstützen. Die Grünen ausgenommen, die essen vegetarisch und fahren Rad, beides liegt mir nicht besonders, obwohl klar, das Klima, die Umwelt, wir müssen alle was tun. Und okay, der Bürgermeister plant Großes wie z.B. eine U-Bahn, ich will aber gar nichts Großes in meinem kleinen Graz, es soll überschaubar und gemütlich bleiben. Im ORF-Sonntagsgespräch vor der Wahl hat er gesagt, dass ihm der Bau-Boom in Graz nicht gefällt. Das finde ich lustig, weil es ist ja seine Partei, welche die Baulöwen unterstützt. Er will nicht mit der KPÖ koalieren, weil die „eine Ideologie hochhält, die 100 Millionen Todesopfer gefordert hat“. Das finde ich nicht lustig, eher bescheuert. Wenn es eine Wiedergeburt des Hl. Martin gibt, dann ist es Elke Kahr, nicht Siegfried Nagl. Vielleicht habe ich keine Ahnung von Politik, aber sozial ist die christlich-soziale ÖVP nicht wirklich, man sieht das auch an der Weigerung, ein paar afghanische Familien bei uns aufzunehmen, auch wenn unklar ist, wie man die überhaupt aus dem Land bringt.

Die Schulen haben begonnen, und das neue Hauptfach heißt „Gurgeln“, in der Steiermark tun das 141.000 Kinder. Dieser Corona-Virus ist wirklich so nötig wie ein Kropf. Interessant finde ich, dass 1100 Eltern entschieden haben, ihre Kinder aus der Schule zu nehmen, sie unterrichten sie selbst. Das tun vermutlich die Mamas, während der Papa mit einem guten Job genug Geld nach Hause bringt. Ich stelle mir das für die Kinder fad vor, aber sicher mögen es einige, soziales Lernen wird wohl auf der Strecke bleiben. Vielleicht normalisiert sich alles wieder, in zehn oder fünfzehn Jahren, wenn Corona einigermaßen unter Kontrolle ist, die älteren Virus-Leugner das Zeitliche gesegnet haben und die Bundeskanzlerin Elke Kahr heißt. Och, jetzt habe ich in der Sonne ein bisschen geträumt. Aber am Meer beginnen die Utopien, Platon hat seinen idealen Staat auch hier angesiedelt. Ich werde noch eine Runde weiterträumen, in die Grazer Realität komme ich früh genug wieder.

Reinhard Schuch