„Es kann hinter jeder Fassade passieren“

Beklemmende Realität im neuesten Film der gebürtigen Gleisdorferin Marie Kreutzer

„Gentle Monster“ nennt sich der neueste Film der steirischen Regisseurin Marie Kreutzer. Sein erstes Publikum hatte dieser beim diesjährigen Festival in Cannes. Seit gestern (17.9.) ist er auch in den heimischen Kinos zu sehen.

Ein schönes Haus am Land, eine Familie, ein erfolgreicher Mann – und plötzlich steht die Polizei vor der Tür. Genau mit diesem Bruch einer scheinbar heilen Welt beginnt „Gentle Monster“. Der Film zeigt, wie schnell sich das Bild eines Menschen verändern kann, den man zu kennen glaubt.

Marie Kreutzer wurde 1977 in Graz geboren und wuchs in Graz und Gleisdorf auf. Sie kommt aus einer „sehr politischen Familie“. Ihre Mutter ist die ehemalige (2000 bis 2015) grüne steirische Spitzenpolitikerin Ingrid Lechner-Sonnek. Nach der Matura an der Grazer Modellschule studierte Kreutzer Drehbuch und Dramaturgie an der Filmakademie Wien. Mit Filmen wie „Die Vaterlosen“, „Der Boden unter den Füßen“ und „Corsage“ machte sie sich international einen Namen. „Corsage“ mit Vicky Krieps als Kaiserin Elisabeth feierte 2022 seine Weltpremiere in Cannes und brachte Kreutzer große internationale Aufmerksamkeit.

Mit „Gentle Monster“ geht sie nun ein besonders schweres Thema an: sexualisierte Gewalt an Kindern und die Frage, wie wenig man einen Menschen manchmal wirklich kennt. Im Mittelpunkt steht die Konzertpianistin Lucy, gespielt von Léa Seydoux. Sie lebt mit ihrem Mann Philip und dem gemeinsamen Sohn in einem Haus am Land. Dann durchsucht die Polizei das Haus, beschlagnahmt elektronische Geräte und nimmt Philip mit. Plötzlich steht für Lucy alles infrage.

Kreutzer begann bereits 2020 mit der Arbeit an dem Stoff – also lange vor dem Fall Florian Teichtmeister. Der Schauspieler hatte in „Corsage“ Kaiser Franz Joseph gespielt und musste sich 2023 wegen des Besitzes und der Herstellung von Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs vor Gericht verantworten. Kreutzer dachte zunächst daran, „Gentle Monster“ nicht mehr zu machen. Schließlich entschied sie sich bewusst dafür, den Film zu drehen. Gerade der Fall habe für sie bestätigt, dass Täter nicht zwangsläufig als „Monster“ erkennbar seien, sondern aus dem eigenen Umfeld kommen können.



Wie beklemmend aktuell das Thema ist, zeigt auch der Fall des Kabarettisten Günther Paal alias „Gunkl“. Gegen ihn wurde im September 2026 Anklage wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch eines Kindes und des Besitzes von Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs erhoben. Die Anklage ist nicht rechtskräftig, es gilt die Unschuldsvermutung. Paal hat sich selbst angezeigt und die Vorwürfe laut Berichten gestanden.

„Gentle Monster“ bekommt dadurch eine bedrückende zusätzliche Realität. Kreutzer erzählt nicht von einem erkennbaren Bösewicht, sondern von Menschen, deren vertraute Welt innerhalb weniger Minuten zerbricht. Und von der unangenehmen Erkenntnis: „Es kann hinter jeder Fassade passieren.“ (Marie Kreutzer, „Kleine Zeitung“, 17.9.)


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