Ein Herr namens „Ungar“ regiert künftig „Ungarland“

Péter Magyar, ein Ex-Freund von Viktor Orbán

Nicht seine rechtskonservative, strukturell korrupte Politik war Auslöser von Viktor Orbáns Wahldebakel – von 135 auf 55 Parlamentssitze –, sondern ein „Kindesmissbrauchsfall“ aus dem Jahre 2023. Ans Licht der Öffentlichkeit gebracht von einem Rechtsanwalt namens Péter Magyar [ˈpeːtɛr ˈmɒdjɒr]. Er verkehrte und gehörte bis dahin zum Kreis der politischen Elite seines Landes „Magyarország“, ungarisch ausgesprochen ˈmɒdjɒrorsaːɡ. Mit der ungarischen Lautschrift sollten sich künftig auch die lernunwilligsten, heimischen TV- und Hörfunkmitarbeiter auseinandersetzen, die zugegeben schwierige Phonetik ungarischer Namen endlich korrekt wiederzugeben.

Péter Magyars künftige Regierungspartei „TISZA“ setzt sich zusammen aus den Worten Tisztelet [ˈtistɛlɛt], zu Deutsch Würde und Szabadság [ˈsɒbɒt͡ʃaːɡ], zu Deutsch Freiheit. Tisza selbst ist in Ungarn kein seltener Name. Es gibt den Fluss Tisza und einen Ministerpräsidenten István Tisza (1861 bis 1918). Dieser fiel einem Mord zum Opfer.

Ein Senkrechtstarter und Quereinsteiger

Damit zurück in die Gegenwart. Bis zum Jahr 2023 war der künftige, starke Mann Ungarns nur in der Führungselite des Landes und durch Gesellschaftskolumnen bekannt. Als Ehemann der ausgesprochen attraktiven und damit fotogenen Justiz- und Europaministerin Judit Varga. Eine enge politische Vertraute von Ministerpräsident Viktor Orbán. Das Ehepaar – beide von Beruf anerkannte Rechtsanwälte –, mittlerweile geschieden, hat drei Kinder. Von 2019 bis zum 31. Juli 2023 war Judit Varga Justizministerin. Davor war sie Staatssekretärin für Beziehungen zur Europäischen Union.

Schwieriges Privatleben

Im Jänner 2023 kommt es zu einem Konflikt in der Familie Magyar. Alles noch intern. Judit Varga und Péter Magyar ließen sich 2023 scheiden, und kurz darauf trat Varga im Zuge des berüchtigten Amnestieskandals als Justizministerin zurück. In diesem Skandal wurde ein Mann, der geholfen hatte, ein pädophiles Verbrechen in einem Waisenhaus zu vertuschen, von der Staatspräsidentin begnadigt. Varga hatte als Justizministerin diese Entscheidung ebenfalls unterschrieben. Der Skandal hat dem Ruf der Regierung schwer geschadet.



Anfang 2024 machte Péter Magyar Inhalte aus einem Tonbandmitschnitt eines privaten Gesprächs im Beisein seiner damaligen Ehefrau aus dem Jahr 2023 publik. Darin war wörtlich die Rede von Korruption und Einflussnahme im Justizministerium und auf andere politische Führungsebenen. Ein von ihm in der Folge veröffentlichtes Video-Interview über und mit diesem Gespräch auf YouTube mit einem befreundeten Influencer (und vormaligen Politiker) wurde zwei Millionen Mal aufgerufen. Der Start für seinen fulminanten Aufstieg als Politiker. Dem spontanen Aufruf zu einer Demonstration mit Rede am 26. März 2024 vor dem Gebäude der Generalstaatsanwaltschaft folgten am Abend Tausende. Varga behauptete, nur das gesagt zu haben, was ihr damaliger Ehemann hören wollte. Er habe sie erpresst und misshandelt. In der Folge kam es auch zu einem gerichtlichen Rosenkrieg mit Beleidigungen.

Ein glamouröses Paar

Das Ehepaar Magyar-Varga war seit 2010 eng eingebunden in den Machtzirkel Viktor Orbáns. Man arbeitete mit dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und Handel sowie der Regierung zusammen. Péter Magyar war Mitglied im Vorstand mehrerer staatlicher Unternehmen, Vorstand des Studentenkreditzentrums, als Diplomat tätig im Büro des Ministerpräsidenten und auch zuständig für Beziehungen zwischen der ungarischen Regierung und dem EU-Parlament.

Das Ehepaar trat damit regelmäßig in der Öffentlichkeit auf. Judit Varga, die Ehefrau, war in dieser Zeit auch Vorsitzende der Europa-Parlamentsliste in Ungarn. Zum endgültigen Bruch zwischen Viktor Orbáns Partei Fidesz und Péter Magyar führte dann dessen Video-Interview auf YouTube. In der Folge kam es auch zur Gründung von „TISZA“. Im Juni 2024 erreichte die neue Partei bei der EU-Wahl sieben Sitze im EU-Parlament mit einem Wähleranteil von 30 Prozent. Auch Péter Magyar selbst wurde EU-Abgeordneter.

Péter Magyars familiärer Hintergrund gilt in Ungarn als „politischer Hochadel“. Seine Mutter war Generalsekretärin am Obersten Gerichtshof, später Vizepräsidentin des National-Justizamtes. Die Großmutter war sogar eine Schwester des ehemaligen ungarischen Präsidenten Ferenc Mádl.

PS: Im Internet und auf Sozialen Plattformen kursieren dutzende Fotos über die „familiären Auftritte“ von Magyar und Varga, auch mit ihren Kindern. Der Zerfall seiner Familie nach der Scheidung 2023 – ein Auslöser dafür, dass es selbst nach dem fulminanten Wahlsieg am Sonntag (12.4.) keine Bilder von einem lachenden und jubelnden Petér Magyar gibt.

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