„Beim Warten auf Bus einfach miteinander plaudern“
„Ping, ping, ping, ping …“, ertönt es während des Gesprächs mit Direktor Nico Redolfi. Er steht auf und geht zu einem mit „Black box“ beschrifteten Tresor. „Da hat offensichtlich irgendwer einen Wecker oder eine Erinnerung eingestellt“, sucht er in der darin befindlichen Schachtel nach dem klingelnden Handy und schaltet es ab.
98 der 190 Schülerinnen und Schüler der Mittelschule Anger bei Weiz nehmen am österreichweiten Handyfasten teil. Die „Umstellung“ sei nicht ganz so schwierig gewesen, so der Direktor. Denn „bei uns gibt es schon seit 2019 Handyverbot an der Schule.“ Sprich, die Schüler geben in der Früh ihre Handys ab, diese werden in Handy-Hotels versperrt und nach Unterrichtsende erst wieder geöffnet.
Und das sind die Schwerpunkte
Da heißt es auf der Schul-Website: Öffentlichkeitsarbeit und Medienbildung, MINT – Forschen, Coden, Konstruieren, On Stage – Musik erleben, Bühnenmomente genießen und Life Balance – Bewusst leben, nachhaltig handeln!
Der Direktor betont: „Bei uns ist es eine Mischung zwischen analog – also Tafel und Kreide – und digital.“ Und so habe man sich bewusst für Laptops und nicht für Tablets entschieden. „Denn diese haben zu sehr Spielcharakter und die Schüler sollen eher Ordnerstruktur und den Umgang mit Laptops lernen.“ Es gibt für jeden Schüler einen Laptop und über diesen wird auch kommuniziert – etwa von daheim aus bei Hausaufgaben.
Offline-Treff für Erfahrungsaustausch
Heute ist Tag 3 des Experiments. Gemeinsam mit Englisch- und Ethik-Lehrerin Lisa-Marie Ebner – sie organisiert das Handyfasten an der Schule – gehen wir in den Gruppenraum im ersten Stock. Dort gibt es jeden Tag von 7:20 bis 7:35 Uhr vor Unterrichtsbeginn den Offline-Treff. Alle machen noch mit.
Ebner nimmt auch selbst am Experiment teil und verwendet in den 21 Tagen nur ein altmodisches Tastentelefon – für den ursprünglichen Zweck des Handys, nämlich das Telefonieren. Wie geht es ihr persönlich damit? „Totale Erleichterung. Man muss sich keine Gedanken machen – habe ich neue Nachrichten, muss ich das noch beantworten? Ein Gefühl von Freiheit, nicht erreichbar sein zu müssen.“
Auch den meisten Jugendlichen geht es ohne Handy (noch?) sehr gut. „Die Stimmung im Schulhaus ist großteils sehr positiv“, sagt Ebner. Viele hätten ihr Handy schon gesucht, obwohl sie es ja gar nicht dabei haben. Sie haben mehr Zeit für ihre Hobbys, machen mehr mit ihrer Familie.
Julian ist grantig, will aber durchhalten
Man könne mehr draußen sein, sagt Lisa, die jetzt auch mehr Zeit mit ihrer Schwester verbringen kann. Ihre Mitschülerin ‚Clara sagt: „Ich merke, dass es mir besser geht. Ich bin irgendwie glücklicher und schlafe besser.“ Über das öffentlich zugängliche digitalen Tagebuch der Schule (HIER anklicken) kann jeder die 21 Tage Handyfasten mitverfolgen. Dort heißt es zum Beispiel: „… schwierig, weil meine Kaninchen beim Tierarzt waren und ich mich sonst mit dem Handy ablenke.“ Ganz leicht ist es auch Julian nicht gefallen. Er ist zwar motiviert und will durchhalten – aber: „Ich bin viel genervter, grantig.“
Was tun mit der gewonnen Zeit?
Einige gehen früher schlafen, wo sie sonst zwei, drei Stunden noch am Handy gescrollt haben. Andere haben eben mehr Zeit für ihre Hobbys, wie zum Beispiel Fußballspielen oder einfach draußen sein. Viele haben erzählt, sie haben beim Warten auf den Bus einfach miteinander geplaudert – ganz ohne aufs Handy zu schauen.
„Wir sind stärker als unser Handy“
Jeden Tag gibt’s auch eine sogenannte Challenge. „Bedanke dich bewusst bei mindestens 2 Personen, dass du sie kennst“, lautet die heutige Aufgabe, die auch im digitalen Tagebuch veröffentlicht wird bzw. im Eingangsbereich der Schule aufgeschrieben wird.
Schwieriges Wochenende?
„MS Anger geht offline“ steht in riesigen Lettern an der Wand. Darunter groß die einzelnen Kalenderblätter der 21 Tage für das Handyfasten. Auch mit Durchhalte- und Motivationssätzen versehen, wie etwa „Wir sind stärker als unser Handy“ oder „Wir bleiben stark“ oder „Wir motivieren uns gegenseitig“.
Man darf gespannt sein, wie es den Schülerinnen und Schülern am bevorstehenden Wochenende geht. Wo sie sonst bis zu sieben Stunden am Tag mit dem Handy verbringen, wie der Direktor sagt. „Helfen“ dürfte da auf jeden Fall das schöne Wetter, wo die Jugendlichen nach draußen gehen können ...
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