Sie bleibt eine Attraktion für Nicht-Grazer

Bürgermeisterin Elke Kahr am Titelblatt der angesehenen Wochenzeitung „Die Zeit“

Vor ihr hat das noch kein Grazer Stadtpolitiker geschafft. Die kommunistische Bürgermeisterin Elke Kahr ist am Titelblatt der angesehenen Wochenzeitung „Die Zeit“. Politik-Redakteur Gero von Randow flog für einige Tage von Hamburg nach Graz, um das „politische Phänomen“ nach der Erdbebenwahl vom 24. September 2021 in der zweitgrößten Stadt Österreichs persönlich zu hinterfragen. Und war erstaunt, dass die kommunistische Bürgermeisterin als Zeichen der Solidarität mit der Ukraine sogar deren Fahne vom Grazer Rathaus wehen lässt.

Das Interesse am Wahl-Erfolg der Graswurzel-Kommunistin Elke Kahr ist außerhalb von Graz noch immer stark. Kommt es zu Besuchen deutscher und anderer ausländischer Politiker im Land Steiermark, dann meidet das Protokoll die früher bei Ex-ÖVP-Bürgermeister Nagl üblichen Höflichkeitsbesuche, die mit einem gemeinsamen Fototermin verbunden waren. Draußen in der Welt soll niemand den Eindruck bekommen, dass die übrigen Parteien-Vertreter in der Politik gemeinsame Sache mit der KPÖ in Graz machen. Wenn wirklich nötig, dann dürfen die ÖVP-Stadträte Hohensinner und Riegler die Gäste im Rathaus begleiten. Zur Sprache kommen wird dabei, dass die Wahlbeteiligung in Graz nur bei knapp 50 Prozent lag und die KPÖ knapp 30 Prozent der Stimmen schaffte. Das waren 34.283 Stimmen von insgesamt 223.512 Wahlberechtigten.

Der „Zeit“-Journalist Gero von Randow war live bei etlichen Kahr-Terminen dabei. So etwa bei der Feierstunde zum fünfjährigen Bestehen des Hospiz des Elisabethiner-Ordens für obdachlose Kranke. Der Kernsatz der KPÖ-Bürgermeisterin dort in ihren unpolitischen Grußworten: Man müsse einander helfen. Randow erlebt auch mit, wie Kahr in ihren Sprechstunden alleinerziehenden Müttern, lesbischen Paaren, Arbeitssuchenden und anderen, die ihre Mieten nicht mehr bezahlen können, zu helfen versucht. Ist doch die KPÖ in Graz vor allem wegen ihres sozialen Engagements erfolgreich. Es muss rasch geholfen werden, so weist sie Geld aus einer Kasse der KPÖ an. Seit mehr als 20 Jahren geben die kommunistischen Volksvertreter aus Graz mehr als die Hälfte ihrer Bezüge ab, um Bedürftigen zu helfen. Am „Tag der offenen Konten“ belief sich die Summe im Jahr 2021 auf 214.940,77 Euro. Randow stellt die Frage: „Muss man dafür Kommunistin sein? Ginge das alles nicht auch als, sagen wir, Sozialdemokratin?“ „Nein, absolut nicht“, antwortet Kahr. „Allenfalls als soziale Christin.“

Ob Politiker zu gut bezahlt werden, darüber lasse sich mit Kahr, so Randow, nicht diskutieren. Eine Aussage von ihr: „Auch wer Macht hat, muss bescheiden bleiben.“ Und diesen unbedingten Willen zum Engagement für Benachteiligte zeigt sie.

Es sei schwer, so Randow, mit Kahr über das KPÖ-Programm in der Steiermark zu sprechen. Dieses ist leninistischer als das der Bundes-KPÖ: „Der spezifische Beitrag der marxistischen Partei besteht darin, die Kämpfe um Reformen auf einen revolutionären Prozess auf Überwindung des Kapitalismus auszurichten.“ Was tut sie also für die Revolution? - fragt Randow. Es sei schwer, mit ihr über diese Dinge zu sprechen. Sie habe einen Sinn für Details und das Unmittelbare. Das große Ganze bleibe wolkig. Formuliert hat das KPÖ-Programm maßgeblich Kahrs Lebensgefährte Franz Parteder – seit Jugendzeiten ein Marxist und Theoretiker. Der „Zeit“-Journalist geht darauf nicht ein, möglicherweise ist ihm das auch nicht bekannt gewesen.

Die Grazer Bürgermeisterin macht kein Geheimnis daraus, dass die KPÖ bis heute nicht zur Gänze ins Reine gekommen ist mit sich und ihrer Unterstützung kommunistischer Diktaturen von damals und heute. Da weise die Partei viele Schattierungen auf. „Wir haben über die sozialistischen Länder nicht die Wahrheit gesagt“, bekennt Kahr, 60, die schon mit 21 Jahren in die Partei eintrat.

Hier geht’s zum Online-Artikel von „Die Zeit“: https://www.zeit.de/2022/21/elke-kahr-buergermeisterin-graz-kommunismus

Quelle: Östereich-Ausgabe "Die Zeit", Nr. 21., 19. Mai 2022

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