Volkskundemuseum: veränderte Lesart des Trachtensaals

Das Volkskundemuseum in der Grazer Paulustorgasse beherbergt heute einen der wenigen noch erhaltenen „Trachtensäle“ aus den späten 1930er-Jahren. Viktor Geramb (1884–1958), Museumsleiter, Volkskundler, Trachtenforscher und „Heimatschützer“, hatte 1936 mit der konkreten Arbeit am Trachtensaal begonnen.

Verändert wurde der Trachtensaal zum ersten Mal in den 1980er-Jahren, also lange nach der Ära Viktor Gerambs, durch die damalige Wissenschaftlerin im Haus. 2003 wurde die Präsentation der 1940er-Jahre weitgehend wiederhergestellt und zum „Museum im Museum“ erklärt, temporäre Interventionen folgten. Deponiert hat den Trachtensaal trotz seiner Verankerung zwischen Deutschnationalismus, Austrofaschismus und Nationalsozialismus noch niemand. Was kann der Raum heute vermitteln?

Verschiebungen

Ab November 2022 präsentiert das Volkskundemuseum am Paulustor eine veränderte Lesart für diese ungewöhnliche Zeitkapsel und diesen vielschichtigen volkskundlichen Wissens- und Erfahrungsraum. Über Kleidungsstücke und Figurinen, über deren Anordnung in den Vitrinen und im Raum lassen sich volkskundliche Sichtweisen, Methoden, Interpretationen und Konstruktionen im Kontext ihrer Zeit verständlich machen. Die Suche nach dem „Unverfälschten“ und „Primitiven“ in Zeiten einer rasant fortschreitenden Moderne ist ebenso Thema wie die Konstruktion des „Eigenen“ respektive „Steirischen“ oder die Frage, wozu Tracht in den 1930er-Jahren, also in Zeiten weitreichender ökonomischer, gesellschaftlicher und politischer Krisen, diente. Auch den Figurinen wird Aufmerksamkeit geschenkt. Einige von ihnen erzählen von realen historischen Personen und deren Lebenswelten, wie etwa der „Ausseer um 1870“, die „Grundlseerin“. „Der Trachtensaal ist nicht nur ein volkskundlicher Wissens- und Erfahrungsraum, er ist vielmehr ein dreidimensionales Dokument österreichischer Zeit-, Gesellschafts- und auch Mentalitätsgeschichte“, so Kuratorin Birgit Johler.

Heute wie früher greift dieser Raum Bezüge zur Welt jenseits des Museums auf, was in der Neufassung des Trachtensaals mehrfach sichtbar wird: Schicht um Schicht hat der Künstler Franz Konrad für die Bild-Bearbeitung des Trachtensaals die komplexen Verstrickungen der Produktion und Inszenierung einer „Heimatschutzkleidung“ abgewickelt, um sie in seinem Wandbild künstlerisch gebrochen und in neuen Kontexten wieder aufzutragen.

Das mehrteilige Video von Masoud Razavy Pour thematisiert vielschichtig, welche Faszination Tracht in ihrer Farbigkeit, Materialität und Produktion heute ausübt und auch welche Formen des Zeigens und Tragens von Tracht heute sichtbar sind. Denn Tracht ist beides: Kleidung zur Weitertragung traditioneller beziehungsweise fester Identitätskategorien, aber auch Ausdruck gesellschaftlicher Wandlungsprozesse.

Trachtensaal
Eröffnung: Sonntag, 13.11., 11-18 Uhr, Eintritt frei! 
Kurator:innen- und Künstlerführungen, musikalisches Programm uvm.
Informationen zum Programm: Trachtensaal-Eröffnung

Laufzeit: ab 15.11.2022
Kuratiert von Birgit Johler
Information: +43-316/8017-9810
www.volkskundemuseum-graz.at

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