Touristen-Drama ums Lauberhorn

Weil Asiaten wegen Corona als Gäste zu Hause bleiben

Noch bis zum Winter 2018/19 war Marcel DER Superstar im Skizirkus. Er war einer von uns. Acht Mal gewann er den Gesamtweltcup. Nun scheint aufgrund der jüngsten Erfolge – auch gestern und heute am Lauberhorn – der gefragteste Vorname im Skikurs „Marco“ zu sein. Nein, leider nicht Marco Schwarz, sondern der Schweizer Marco Odermatt. Dementsprechend euphorisch feiern die Eidgenossen seit Adelboden ihren Jungstar.

Was Kitzbühel als Tourismus-Hotspot für die Österreicher darstellt, das ist das Lauberhorn-Wochenende im Berner Oberland für die Schweizer. Dort bewirkt Corona bedauernswerterweise einen touristischen und damit wirtschaftlichen Supergau. Das dortige Jungfraujoch mit seiner Gletscherbahn gehört zu den berühmtesten Wahrzeichen der Schweiz. In China, Japan, Südkorea und Indien wird es seit Jahrzehnten als „Top of Europe“ beworben. Nun müssen die Asiaten zu Hause bleiben und viele Zuggarnituren bleiben damit praktisch leer. Bis zu 5.500 Touristen beförderte die private Bahn AG an Spitzentagen aufs Jungfraujoch hoch. Nun sind es an manchen Tagen nicht einmal 100. Es herrschte vor Corona 365 Tage im Jahr Hochsaison. Waren es im Jahr 2000 noch eine Million Fahrgäste, so stürzte die Zahl auf 360.000 ab. Sieben von zehn Jungfraujoch-Touristen kamen aus Fernost. Nicht nur die Asiaten bleiben aus, sondern auch die Amerikaner und Europäer. Mit 900 Arbeitsplätzen ist die Bahn AG der größte Arbeitgeber im Berner Oberland. Erst im Vorjahr wurde für rund 400 Millionen Euro praktisch eine neue Bahn in das Gletschergebiet hinein gebaut.

Alles auf Asiaten ausgerichtet

In Zürich nach dem sicher strapaziösen Langstreckenflug aus dem Flieger steigend, geht es für die großen Reisegruppen im Bus in die Region Wengen-Grindelwald-Lauterbrunnen-Interlaken. Nicht überraschend, dass es dort überall nicht nur Hinweisschilder auf Chinesisch gibt, sondern auch in den Hotels. Damit sich die Gäste zurechtfinden. Sie bleiben, wenn überhaupt, eine Nacht. Und dann geht es weiter nach Paris, Rom oder sonstwo hin.

Das große „Bergabenteuer“ beginnt im Tal. Von dort startet die Bahnfahrt hinauf zum Jungfraujoch – für die Asiaten einfach nur schlicht „Top of Europe“. Nach rund eineinhalb Stunden Fahrzeit stehen die Gäste dann auf der gigantisch und architektonisch eindrucksvollen Aussichtsplattform, die auf 3.466 Metern Höhe aus dem ewigen Eis ragt. Ja, wer da schon einmal gestanden ist, der hat einen atemberaubenden Panoramablick auf den Aletsch-Gletscher – der größte der Alpen. Da wird manchen schwindelig vom herrlichen Panoramablick, aber auch im wahrsten Sinn des Wortes. Denn nicht alle Touristen „verkraften“ den raschen Aufstieg mit der Bahn und ihr Kreislauf spielt verrückt. Sanitäter müssen eingreifen. Oben angekommen wollen alle nur noch hinaus und so rasch und so viele Bilder und Videos wie möglich machen.

Corona hat dazu geführt, dass die „Asien-Strategie“ künftig zu hinterfragen sei, versuchte der Marketingchef der Jungfraujochbahnen eine öffentliche Diskussion zu starten. Wenige Wochen später setzten ihn die Verantwortlichen für diese „Initiative“ vor die Tür. Wer den künftigen Erfolg in Zweifel zieht – und die Zahl derer vermehrt sich –, gilt als Nestbeschmutzer in der Schweiz. Künftig sollten mehr Unternehmen in der Region vom Tourismus profitieren, meinen diese. Und nicht nur die Bahn, einige Hotels und Busunternehmer. Auch vermehrt europäische und Schweizer Gäste, so die Kritik, müssten als Gäste wieder mehr in den Fokus kommen.

Peking – ein Rohrkrepierer?

Die Winterspiele in Peking, die in wenigen Wochen beginnen, sollten für die Jungfraujochbahn AG und deren „Top-of-Europe“-Strategie gleichsam zum Tüpfelchen auf dem i werden. Noch dazu, wo die Skination Schweiz mit Odermatt, Feuz und Kollegen international zur Zeit wirklich top ist.

Weil auch die chinesische Führung davon ausgeht, dass es im Land künftig mehr als 100 Millionen Ski- und Wintersportfans – auch durch die Spiele ausgelöst – geben wird. Chinesische Sportler werden allerdings bei den Peking-Spielen nicht auf dem Siegerpodest stehen – wenn, dann nur im Eiskunstlauf. Was die Ausstattung der Sportler betrifft, aber sehr wohl. 50 Prozent der Sportbekleidung der teilnehmende Athleten kommt bereits vom Konzern Amer sports. Dieser hat mit Ding Shizhong einen chinesischen Milliardär als Eigentümer, der auch im Volkskongress sitzt. Etwa ein Drittel aller verkauften Skier kommen vom chinesisch-finnischen Konzern. Darunter die weltbekannten Marken Salomon, Dynamic und Atomic. Die meisten Skier davon werden in Altenmarkt im Pongau produziert.

Dass jetzt in Peking die Winterspiele ohne Zuschauer ablaufen und das Berner Oberland ohne Asiaten als Touristen überleben muss, niemand hätte sich das vor zwei Jahren vorstellen können.

Quellen: KLIPP-Archiv, „Die Zeit“ (9/12/21)

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