In Graz: Schwerer Konflikt um 250 Mio. teure Müllverbrennung
Heftiger Gegenwind von Anrainern und Bürgerinitiative. Diese: „unsaubere, einseitige, mangelhafte Darlegung der Fakten“
Die Ausgangssituation in der Landeshauptstadt Graz
Im Unterschied zu Linz oder gar Wien gibt es in Graz noch keine Müllverbrennungsanlage. Die jährlich angelieferten 100.000 bis 120.000 Tonnen Abfall aus Graz und Umland-Gemeinden werden in der Sturzgasse mit einer Müllbehandlungsanlage sortiert und zur weiteren Entsorgung, sprich Verbrennung, nach Linz, Wien oder sogar bis ins Ausland (Slowakei) gebracht. Teile davon müssen aber auch auf der Deponie in Frohnleiten zwischengelagert werden.
Grünes Licht durch UVP
Seit 1. Juni 2026 gibt es mit dem genehmigten Umweltverträglichkeitsprüfung(UVP)-Verfahren praktisch das offizielle Start-Frei für den Bau und die Errichtung des sogenannten Energiewerk Graz (EWG). Dieses soll – über eine Förderanlage verbunden – in unmittelbarer Nachbarschaft zur Sturzgasse gebaut werden und 2030 in Betrieb gehen. Investoren des voraussichtlich 250 Millionen Euro teuren Müllwerks sind die Energie Graz und die Holding Graz. Letztere ist eine 100%ige-Tochtergesellschaft der Stadt Graz. Sie betreibt und verantwortet die Sturzgasse und später auch den Betrieb des Energiewerks.
… haben unsere Hausaufgaben gemacht
Im KLIPP-Gespräch legen Energie-Graz-Geschäftsführer Josef Landschützer, Holding-Graz-Vorstand Alice Loidl und Projektleiter Michael Hierzenberger ihre Strategie und Fakten dar. Im Folgenden ein Auszug daraus.
60 Prozent der Grazer Haushalte verfügen derzeit über einen Fernwärmeanschluss. Laut Vorgaben müssen es 80 Prozent Grüne Wärme bis 2035 sein.
Das bedeute weg vom importabhängigen Gas und einen Schritt weiter zu Dekarbonisierung. Und dazu gehöre auch: den in die Sturzgasse angelieferten Müll in Graz selbst zu verbrennen. Wie das ja auch in anderen Städten und Metropolen weltweit bereits geschieht.
„Wir brauchen Wärme (im Winter) und haben Müll.“ Dieser komme schon jetzt aus Graz und den umliegenden Gemeinden. Das künftige Energiewerk wird 10 bis 12 Prozent unseres Wärmebedarfs decken. Die geplante Größe des Energiewerks für 120.000 Tonnen Abfall jährlich sei ausreichend und wirtschaftlich.
Zu wenig Kapazitäten in Österreich
Aufgrund von zu geringen Kapazitäten in Österreich an thermischer Verbrennung muss bis jetzt ein Teil des Mülls von Graz aus sogar bis in die Slowakei verfrachtet werden. Der Bau einer Anlage direkt vor Ort sei daher für den Zentralraum Steiermark eine sinnvolle, effiziente, wirtschaftliche Lösung. Durch diese würden Energie- und Abfallwirtschaft, aber auch die Grazer selbst davon profitieren.
Was den LKW-Verkehr und die Transporte betrifft: Es werden weit weniger werden, weil ein großer Teil des angelieferten Mülls bereits in Graz verwertet (verbrannt) wird.
Stabile Preise für Grazer
Das Energiewerk Graz werde auch für stabile Preisen betreffend Fernwärme für die Grazer Haushalte sorgen. Weil man vom importierten Gas wegkomme (Ukraine-Krieg!) und damit mehr Resilienz und Souveränität in der Energieversorgung erreiche und Vertrauen in der Bevölkerung schaffe.
Das künftige Energiewerk Graz liefere Fernwärme für 23.000 Wohnungen und produziere zusätzlich Strom. Insgesamt damit ein Vielfaches von einem Murkraftwerk. Außerdem verbleibe ein großer Teil der 250 Millionen Euro teuren Investition als Wertschöpfung in der Steiermark.
Kritiker zweifeln vorgelegte Fakten an
Der Vorbehalt gegen die von den künftigen Betreibern vorgelegten Daten ist bei der Bürgerinitiative, den Anrainern groß. Auch die GAW (Grazer Armaturen Werke), ein familiengeführter Technologie-Konzern, zählt dazu. So werde es einen Einspruch (mit aufschiebender Wirkung?) beim Bundesverwaltungsgerichtshof gegen das UVP (Umweltverträglichkeitsprüfung)-Verfahren geben.
Weitere Kritikpunkte
Der Verein für Konsumentenschutz hat u.a. der „Energie Graz“ betreffend Fernwärme „Greenwashing“ vorgeworfen. „Greenwashing-Check“ in „Konsument“ (Ausgabe 9/2025, Seite 44):
„Fernwärme unter ein grünes Deckmäntelchen zu hüllen und mit Slogans wie umweltfreundlich zu vermarkten, schießt bei den genannten Fernwärmebetreibern jedenfalls weit übers Ziel hinaus.“
Auch das Projekt „EWG“ liefert leider den Beweis für die Richtigkeit eines solchen Vorwurfs.
Laut Betreiberseite ist das Werk hauptsächlich für Fernwärme gedacht. Das Werk könne nur 12 bis 13 Prozent des prognostizierten Fernwärmebedarfes decken. Schönreden erfolge da besonders durch die Holding/Energie Graz. So sagt Vorstandssprecher Gert Heigl laut „Kleine Zeitung“ vom 15.3.2026: „Dass wir mit dem Energiewerk rund 20 Prozent unserer Fernwärme erzeugen und damit Gas reduzieren können, ist ökologisch der richtige Schritt.“
In der Zahl von rund 20% Fernwärmeaufbringung ist die Klärschlammverbrennung Gössendorf (EKV) unzulässigerweise dazugerechnet worden: Siehe Webseite der Holding Graz, „Grazer Fernwärmeversorgung benötigt EWG/Der Hauptaspekt des Projekts: Warum die Grazer Fernwärmeversorgung das EWG und die EKV benötigt“: „Insgesamt werden EWG und EKV knapp 20% der Fernwärme für Graz mit lokalen Reststoffen/Klärschlämmen erzeugen.“
Geothermie – eine kostengünstigere Alternative
OMV und Energie Steiermark präsentieren kommende Woche das größte Geothermie-Projekt im Süden Österreichs. Es soll ebenfalls 2030 betriebsbereit sein.
Werner Ressi, Vorstand der Energie Steiermark, davor Geschäftsführer der Energie Graz: „Energie Steiermark und Energie Graz stemmen mit der OMV dabei Investitionen von fast 500 Millionen Euro. Fakt ist, dass mit dem Vollausbau die Hälfte des Wärmebedarfs von Graz mit heißem Wasser aus der Tiefe gedeckt wird. Die Investition ist immens, aber sie sorgt für eine nachhaltige Wärmewende und stabile Tarife“. („Grazetta“ 7/2025)
Das Projekt ist im wesentlichen emissionsfrei, also tatsächlich dem Dekarbonisierungsanspruch entsprechend und in tatsächlicher Kreislaufwirtschaft und wohl auch mit geringeren Betriebskosten. Es entspricht ca. 560 bis 750 GWh/a (das ca. Drei- bis Vierfache des Energiewerk Graz). Martin Graf, Vorstand der Energie Steiermark: „Das wird ein absolutes Vorzeigeprojekt, das einen enormen Vorteil für Graz bringt.“ („Grazer“ 31.5.2026)
Schon jetzt ist erkennbar, dass das „Energiewerk Graz“ (EWG) in nächster Zukunft Befürworter und Kritiker weiter auf den Plan rufen wird. KLIPP wird darüber berichten.








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