Steirerkrone lobt sich für „50 Jahre Mut“

Jahrelanger Fight zwischen „Krone“ und „Kleine“ um die Nummer 1 in der Steiermark

Mut zum Verschweigen im Konflikt um Pornomagazin in der Styria und einen Alkohol-Unfall mit Verletzten und Fahrerflucht. Zweck heiligt Mittel ...

Die Steirerkrone feierte kürzlich ihren 50. Geburtstag. Aufgrund von Corona sogar verspätet. Dazu erschien auch eine umfangreiche Sonderbeilage mit dem Titel „50 Jahre Mut“. Diese Beilage ist auch der Auslöser für den folgenden Beitrag, in dem auch der im Juni 2010 verstorbene Zeitungszar Hans Dichand und dessen Entscheidungen beleuchtet und analysiert werden.

Hans Dichand hatte sich zum Ziel gesetzt, die „Krone“ auch in der Steiermark zur meistgelesenen Zeitung zu entwickeln und damit den damals unangefochtenen Platzhirschen „Kleine Zeitung“ auf Platz 2 zu verweisen und zum „ersten Verlierer“ zu machen. In den 1950er-Jahren war Hans Dichand Chefredakteur der „Kleinen Zeitung“ und musste dann ungewollt seinen Abschied nehmen.

Für das Match, den Fight gegen die „Kleine“ braucht es aber auch die nötigen finanziellen Mittel. Zigmillionen Schilling wurden über Jahre hinweg in den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Aufbau und Ausbau des Vertriebs, in die Hauszustellung der steirischen Ausgabe der „Kronenzeitung“ gesteckt. Denn nur so bestand eine Chance, den bis dahin unangefochtenen Platzhirsch wirklich herauszufordern.

Was den „Krone“-Eigentümer Hans Dichand ärgerte, reizte, aber auch antrieb: Von Seiten der „Kleinen Zeitung“ hieß es ständig, die steirische Ausgabe der „Kronenzeitung“ sei ein Wiener Blatt, das halt über den Semmering gekarrt werde und sich ein weiß-grünes Mäntelchen umhängt.

Mit aufwändigen Leser-Abo-Aktionen versuchte man, der „Kleinen Zeitung“ Platz 1 streitig zu machen. Teure, langwierige Gerichtsverfahren mit gegenseitigen Beschuldigungen im Sinne des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb waren die Folge. Die Sommerolympiade und das Grazer Stadtfest waren zum Beispiel zwei Highlights in dieser Zeit. Vom Stadtfest, bei dem mehr als 100.000 Menschen die Innenstadt überfluteten, erfuhren die Leser der „Kleinen Zeitung“ nichts oder nur in einem Einspalter darüber.

Für seinen Feldzug gegen die „Kleine“ hatte „Kronenzeitung“-Chef Hans Dichand den ehemaligen „Profil“-Journalisten Georg Nowotny nach Graz geholt und diesen mit allen Vollmachten ausgestattet. Nowotny war praktisch nur Dichand berichtspflichtig und gab der „Kronenzeitung“ in der Steiermark vor allem noch mehr journalistisches und steirisches Profil. So machte die „Krone“ in der Steiermark nicht mit bei der von der „Krone Wien“ ausgerufenen Kampagne oder Befragung „Ja zur Todesstrafe“. Ein Vorgehen, das in der Wiener Chefredaktion für Unverständnis und Unmut sorgte.

Mission erfüllt

In der Ära von Georg Nowotny wurde aus der steirischen Ausgabe der „Kronenzeitung“ kurz und prägnant die „Steirerkrone“.

Damals existierte noch kein Internet, erfuhren die Steirer erst am nächsten Tag, früh morgens aus der Zeitung, was sich in der Steiermark Neues, Schreckliches, Erfreuliches, im Sport oder auch sonstwo zugetragen hatte. Jeden Morgen wurde gebangt, gezittert, aber auch gejubelt in der Redaktion, wenn man im direkten Duell mit der „Kleinen“ mit exklusiven Geschichten punkten konnte. Die Verkaufszahlen der „Steirerkrone“ kletterten stark nach oben.

Und dann der lang erhoffte Moment: In der Media-Analyse, die für das Inseratenaufkommen wichtig war, überholte die „Steirerkrone“ mit Chefredakteur Georg Nowotny erstmals die „Kleine“, was den Zuwachs bei den Leserzahlen in der Steiermark und die Abonnenten betraf. Hans Dichand und die „Krone“ zelebrierten diesen Sieg gebührend. Damit mussten auch die Verantwortlichen im Land, sprich die steirische Landesregierung, Farbe bekennen. Für die steirischen Tageszeitungen – „Kleine Zeitung“, „Südost Tagespost“ und die „Neue Zeit“ – gab es zu dieser Zeit großzügige Millionen-Förderungen durch das Land. Jahrelang war die „Kronenzeitung“ in der Steiermark davon ausgeschlossen geblieben. Als Nummer 1 konnte man aber an der „Steirerkrone“ nun nicht mehr vorbei. Die Fördermillionen von Seiten des Landes erhöhten die beträchtlichen Gewinne der „Krone“ noch einmal um einige Nullen.

Georg Nowotny war Wiener und hatte von Anfang an klar gemacht, dass Graz nicht das Endziel seiner journalistischen Laufbahn sein werde. Er hatte Dichands Zusage, bei seiner Rückkehr nach Wien zum Chefredakteur aller Bundesländer-Ausgaben zu werden. Auf dem Weg dorthin sollte Georg Nowotny in Salzburg auch die dortige Mini-Regionalausgabe zur Nummer-1-Zeitung in diesem Bundesland machen. Er wollte diese Aufgabe aber erst angehen, wenn seine Nachfolge in der Steiermark geregelt sei. Dabei schlug er den Autor des Berichts als Nachfolger vor.

Damals war ich Leiter der Ressorts für Politik und Wirtschaft und hatte mit Enthüllungsgeschichten, Serien und der Aufbereitung von brisanten Themen zum Erfolg der „Steirerkrone“ beitragen können. Aufgrund des Redaktionsstatuts war ich auch Mitglied im sechsköpfigen Beirat der „Kronenzeitung“ österreichweit. Dieses Gremium war eine Art Belegschaftsvertretung und die Mitglieder waren auf Jahre hin unkündbar. Erst als eine geheime Abstimmung aufgrund des Redaktionsstatuts über den Nachfolger Nowotnys mit 20 zu 2 Stimmen für mich ausging, entschloss ich mich, das Angebot anzunehmen.

Anmerkung: Den Kollegen in der Redaktion war logischerweise einer aus ihrer Mitte lieber, als wieder ein Abgesandter Dichands aus Wien in der Rolle des Statthalters in Graz.

In den folgenden Gesprächen mit Hans Dichand und Georg Nowotny ging es darum, einen ähnlich großen Handlungsspielraum und Vollmachten wie er zu bekommen. Wissend, dass nur so die „Steirerkrone“ auch Nummer 1 bleiben konnte. Denn die „Kleine“ unternahm alles, um ihre Position auf dem Thron zurückzugewinnen.

Und dabei kam mir der Zufall zu Hilfe, hatte ich Glück. Über einen Informanten erfuhr ich von einer unglaublichen Geschichte: In der Druckerei des Styria-Konzerns in Graz, zu der die „Kleine Zeitung“ gehört, werde ein Pornomagazin produziert und gedruckt. In den 1980er-Jahren kam das einer Todsünde gleich. Ich dachte anfänglich, das sei ein übler Scherz – heute würde man sagen: Fakenews. Erst als mir ein Styrianer diese unglaubliche Geschichte bestätigte, informierte ich Hans Dichand. „Ich kann mir das nicht vorstellen und glaube es erst dann, wenn Sie mir die Beweise dafür vorlegen“, stimmte er zu, dass ich die Sache recherchieren könne und bewilligte auch die nötigen Mittel dazu. Das gelang.

Über Wochen war ich in Deutschland unterwegs, denn dort sollte der Auftraggeber für das Magazin seinen Sitz haben und dieses vertreiben. Ich will es kurz machen: Es gelang mir mittels Dokumentation der Aussage von Verantwortlichen und notariellen und rechtsanwaltlichen Urkunden der Beweis dafür. Daraufhin planten wir eine Serie über die Doppelmoral im katholischen Styria-Konzern. Logischerweise mit dem journalistischen Grundsatz –  „Audiator et altera pars“ – auch die andere Seite anzuhören, nahm ich Kontakt mit den höchsten Vertretern des Styria-Konzerns auf. Der damalige Generaldirektor der Styria und der Obmann des Katholischen Pressvereins schlossen in einer ersten Reaktion in Gesprächen mit mir ein solches Druck-Projekt aus. Ich verwies auf unwiderlegbare Dokumente darüber und die Tatsache, dass wir in der „Steirerkrone“ darüber umfangreich berichten werden. Lakonischer Kommentar: „Aber Herr Kollege, das können Sie doch nicht machen.“ Offizielle Statements wollten sie erst nach Rücksprache im Haus an uns weiterleiten.

Die Vorbereitungen für die Serie waren fast abgeschlossen, die einzelnen Folgen bereits geschrieben. Kurzfristig verschob sich der schon festgesetzte ursprüngliche Start dafür. Bei Nachfragen in Wien hieß es nur, es gäbe Probleme. Bis mich Hans Dichand aufklärte. In Gesprächen mit der „Kleinen“ habe diese darüber informiert, dass ein Redakteur der „Steirerkrone“ in Graz im alkoholisierten Zustand einen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht begangen habe, in der Grazer Innenstadt und in den Nachtstunden, mit Verletzten. Im Polizeibericht, den es damals täglich gab, der den Tageszeitungen zur Verfügung gestellt wurde, in dem praktisch auch jeder kleine Vorfall stand, fand sich aber am nächsten Tag keine einzige Zeile über diesen schweren Unfall. Von Seiten der „Steirerkrone“, so die Nachricht an Herrn Dichand, war durch Redakteure der Lokalredaktion bei der Polizei interveniert worden, diesen Vorfall zu verschweigen, also nicht in den täglichen Bericht aufzunehmen. Wie die „Krone“ hat natürlich auch die „Kleine“ Sympathisanten innerhalb der Grazer Polizeiführung, die dieses sensible Schmankerl an Kollegen in der „Kleine Zeitung“-Lokalredaktion weitergaben.

Auf den Punkt gebracht: Sollte die „Steirerkrone“ über das Pornomagazin und den Druck in der Styria berichten, so würde die „Kleine“ über die Doppelmoral der „Krone“ ebenfalls umfangreich berichten. Hieß es doch in einer Werbebotschaft der „Steirerkrone“: Kompromisslos offen im Dienste ihrer Leser.

Klarerweise war ich nicht einverstanden mit diesem Abtausch, musste ihn aber zur Kenntnis nehmen. Nur wenige Monate später kam es zur Trennung zwischen mir und der „Krone“. Hans Dichand zeigte sich mit meiner Haltung oft nicht einverstanden. Da ich für die damalige Zeit als Journalist ein extrem hohes Einkommen hatte, konnte ich mit der (großzügigen) Abfertigung meinen eigenen journalistischen Weg fortsetzen.

Ach, ja. Der Journalist mit dem Verkehrsunfall wurde dann langjähriger Chefredakteur – nein, nicht der Kinder- und Bildpost, wie die Kollegen vorher über seinen Wunsch witzelten, sondern … erraten!

J.L.

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