Wer hat Angst vor Elke Kahr?
Kommenden Sonntag wird wieder gewählt. Und die Kommunistin hat gute Chancen, Bürgermeisterin zu bleiben.
226.000 Grazer sind aufgerufen, am kommenden Sonntag, 28.6., einen neuen Gemeinderat zu wählen. 188.000 österreichische Staatsbürger und etwas mehr als 37.000 Nicht-Österreicher aus einem EU-Staat.
Nach 18 Jahren unter ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl übernahm 2021 die Kommunistin Elke Kahr das Amt und koaliert seither mit Grünen und SPÖ. Bürgermeisterin Elke Kahr ist populär, ihre Partei Favorit bei der Wahl. In Umfragen liegt sie sogar über 30 Prozent (2021: 28,84 %). KLIPP traf sie im Rathaus zum Gespräch.
Als Sie vor fünf Jahren realisiert haben, die KPÖ ist erstmals die stärkste Partei in Graz. Was war das für ein epochales Ereignis damals auch für Sie – Traum oder Wirklichkeit?
Kahr: „Es ist schön, dass Sie die Frage stellen. Weil es tatsächlich so ein Spannungsfeld ist. Wo du dich in einer Bewegung dein Leben lang gemeinsam mit anderen – und wir waren wenige – bemühst, dass wir langsame Schritte nach vor machen. Weil wir überzeugt davon sind, dass es uns braucht.“
Die Bürgermeisterin schränkt ein, die Weisheit nicht gepachtet zu haben mit der KPÖ. „Aber wir machen es aus redlichen Gründen. Und ich war immer überzeugt und bin es nach wie vor und mehr denn je. Ich glaube auch, dass es unsere Bewegung braucht.“
In ihrem politischen Leben habe es viele Niederlagen, Ausgrenzungen gegeben. Jene, die schon vor ihr in der KPÖ waren, hätten das ja noch viel mehr verspürt, merkt Elke Kahr an. „Ich habe da mitwirken dürfen, wie schön langsam die Schritte – damals noch mit Ernest Kaltenegger – vorwärts gegangen sind.“ Am 30. März 2009 kündigte Kaltenegger an, sich in die „zweite Reihe“ zurückzuziehen.
„Bei uns ist es nicht so, dass die Leute alle aufzeigen und sagen, ich möchte an vorderster Stelle stehen“, so Kahr als Nachfolgerin. „Und das ist auch bei mir so. Ich bin eingebettet gewesen in ein Kollektiv, hab’ recht früh Verantwortung gekriegt. Wir haben sehr flache Hierarchien bei uns. Es ist immer ein gemeinsames Arbeiten. Und insofern ist schon 2012, als wir zweitstärkste Partei wurden, ein großer, großer Schritt gewesen.“
Die KPÖ habe sich nicht beirren lassen und versucht, weiterhin saubere Arbeit zu leisten. „Bei der Wahl 2017 konnten wir das noch einmal bestätigen.“ Und dann der Höhepunkt im September 2021: „Am Anfang haben wir das gar nicht glauben können. Also, wir wären schon glücklich gewesen, wenn wir die zwei Stadträte damals halten hätten können.“ Das offizielle Wahlergebnis: KPÖ 28,84 %, ÖVP 25,91 %, Grüne 17,32 %, FPÖ 10,61 %, SPÖ 9,53 %, Neos 5,42 %.
Aufgrund ihrer jahrzehntelangen politischen Erfahrung war Elke Kahr klar, dass sie mit ihrer Partei schnell ins Tun kommen muss. „Wir sind alle so gestrickt, dass, wenn sich von heute auf morgen etwas ändert, dann muss man gestellt sein. Das ist so ähnlich, wie man früher sagte: Wenn du bis in die frühen Morgenstunden fortgehst, dann musst du trotzdem am nächsten Tag in der Früh pünktlich aufstehen und in die Arbeit gehen. So ähnlich ist das auch bei uns. Wir können mit schnell wechselnden Veränderungen kollektiv gut umgehen. Und deshalb sind wir sehr schnell in die Gänge gekommen. Das war auch notwendig.“
Fünf Jahre zurückgeschaut, spricht Kahr vor allem den Zuspruch und die Hoffnungen an, die es gegeben hat. „Da wird vieles überhöht dargestellt und oft zu viel hinein interpretiert. Man kann ja nicht die Spielregeln der Gesellschaft außer Kraft setzen. Auch wenn man gerne eine Zauberin wäre … wenn man die Konflikte und alles Ungemach, nicht nur in der Stadt, sondern überall in Österreich, ganz Europa und auf der Welt sich vor Augen führt.“
Mit ihrer Entscheidung, sich noch einmal der Wahl zu stellen, hat sie bis in die letzten Monate zugewartet. „Es war auch keine leichte Entscheidung für mich selbst. Weil ich weiß, wie viel Arbeit dahinter steckt, wenn man es gut machen möchte und in dem Sinne, wie wir es leben möchten. Und das weiß ich – es ist Montag bis Sonntag, von früh bis spät in die Nacht. Vor allem, weil ich mir auch sehr, sehr viel Zeit für die Leute nehme. Ich müsste es nicht so anlegen, kann aber gar nicht anders. Weil sonst müsste ich mich als Mensch komplett drehen und das geht ja gar nicht mehr. Das ist der Grund gewesen, warum ich mir das gut überlegt habe.“
Auch in den Gesprächen mit ihren Leuten. „Ich habe das x Mal gesagt. Ihr müsst es wissen, ich bin keine 20 mehr und auch keine 40 und 50. Jeder, der über 50 ist, der weiß, dass, wenn da nicht ein bisschen was zum Wehtun anfängt, du eigentlich nicht wirklich gelebt hast. Das hat schon meine Oma gesagt.“ Sie verspüre noch immer viel Energie. „Aber ich merke natürlich, dass vor allem in der Früh – wie bei einem Auto früher, das eine Radkurbel gehabt hat – man nur langsam zum Starten kommt, länger braucht. Es ist vor allem ein Zeichen für mich, dass ich nicht mehr so schnell bin, wie ich gerne möchte. Und das ist, denke ich, normal. Wie ich gesagt habe, wenn ich gesund bleibe – gerne. Ich habe mich entschieden dafür, bin gut eingebettet in einem großartigen Kollektiv, bin ja nicht allein und war nie allein. Und dadurch geht das auch.“
Und sollte die KPÖ am kommenden Sonntag (28.6.) nicht mehr die stärkste Partei sein – wie geht es dann weiter? Elke Kahr darauf: „Wenn die KPÖ nicht stärkste Partei wird – und das sage ich jetzt nicht aus einer Überheblichkeit heraus, sondern den Anspruch muss ich haben –, wenn das Vertrauen nicht mehr in dem Ausmaß da ist, dann muss ich als 64-Jährige das wirklich nicht mit Gewalt weitermachen. Das ist ja wohl logisch. Wir haben jüngere Kolleginnen und Kollegen, die großartig arbeiten. Und dann will ich das nicht mehr machen. Klar!“









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