Alle wollen SEINEN Fußball spielen
Das gestrige (9.7.) WM-Spiel Frankreich gegen Marokko (2:0) zeigte es einmal mehr. Jenes Team, das das erwachsen gewordene System des Tiki-Taka am effektivsten auf dem Rasen zelebriert – 1 x Ball berühren und sofort weiterspielen –, wird auch über den WM-Pokal jubeln.
Der Spanier Pep Guardiola, 55, hat mit dieser Philosophie des Fußballs als Trainer – wohl der Beste seiner Zunft – mit Manchester City in den letzten zehn Jahren das Spiel perfektioniert. Auf einen völlig neuen Level gehoben.
Mit Millionen aus Abu Dhabi
Sechs Mal wurde Guardiola auf der fußballverrückten britischen Insel Meister, holte sich drei Mal den FA Cup (Football Association Challenge Cup) und mit dem Champions-League-Titel sogar das Triple. Er pulverisierte damit alle Rekorde. Möglich gemacht haben das allerdings erst die Millionen aus dem Scheichtum Abu Dhabi als Eigentümer des Traditionsklubs.
Nur die besten und teuersten Spieler schafften es seinerzeit, Guardiolas kunstvolles Spiel auf den Rasen zu zaubern. Ausnahmekönner, wie Messi, Xavi, Iniesta in Barcelona oder Rodri, Salah, De Bruyne und Haaland in Manchester zählen dazu.
In Europa dominiert
Begonnen hat Pep Guardiola mit seinem Ballbesitz-Fußball als Barca-Trainer in den Jahren 2008 bis 2012 und damit ganz Europa dominiert. Es geht um („einschläfernde“) Geduld beim Spielaufbau. Ballbesitz ist die beste Verteidigung – so lange droht keine Torgefahr. Die gegnerischen Spieler müde zu spielen, das Spieltempo und die entsprechenden Räume selbst zu bestimmen, sind weitere Grundlagen dafür. Und wer dieses Spiel als „langweilig“ kritisiert, lässt außer Acht, dass Ballbesitz, sofern er beherrscht wird, eben auch die beste Verteidigung ist. Das zeigt etwa die spanische Nationalmannschaft als Welt- und Europameister.
Kein Zufall auch, dass England heute dank Guardiola zu den besten Teams in der Fußball-Welt zählt. Nicht nur Härte, sondern auch Tempo und Technik machen Harry Kane und Co. derzeit so erfolgreich. Der fünffache Weltmeister Brasilien ist international längst nicht mehr die erste Fußball-Adresse. Sichtbar geworden auch durch die Niederlage gegen Norwegen und damit dem Ausscheiden aus der WM.
Trainer der Trainer
Als geistiger Vater dieses Kurzpass-Spiels gilt der Niederländer Johan Cruyff (1947-2016). Er war zu seiner Zeit Europas berühmtester und teuerster Kicker und später auch als Trainer in Barcelona erfolgreich. Es war jene Epoche, die auch Pep Guardiolas Zukunft im Fußball prägte. Guardiola brachte das Kurpassspiel Tiki-Taka auf die britische Insel. Das so funktioniert: Die Spieler bilden einen kleinen Kreis, einer in der Mitte versucht, den zirkulierenden Ball zu erwischen; gelingt ihm das, kommt der nächste dran.
Viele Experten gaben dem Tiki-Taka in England keine Zukunft. Doch Guardiola adaptierte es – stärkte die Defensive, band klassische Mittelstürmer ein und forcierte das überfallsartige, vertikale Spiel in die Tiefe. Keine Mannschaft spielte je spektakuläreren, offensiven und zugleich technisch anspruchsvollen Fußball als Manchester City zur Glanzzeit unter Pep Guardiola.
Ein Rezept gegen das technisch anspruchsvolle Kurzpassspiel heißt Pressing. Österreichs Team ist ein gutes Beispiel dafür. Aber es braucht eben dann die Ausnahmekönner, die im sogenannten Umschaltspiel den Torerfolg ermöglichen.
Es ist kein Zufall
Die derzeit gefragtesten Trainer berufen sich weiterhin auf Guardiola. Sein Barcelona-Wegbegleiter Luis Enrique führte Paris Saint-Germain zu neuen Höhen, Bayerns Erfolgscoach Vincent Kompany war einst Citys Kapitän unter Guardiola, Chelseas neuer Trainer Xabi Alonso spielte unter ihm in München, Comos Sensationsmann Cesc Fàbregas in Barcelona. Guardiolas kolportierter Nachfolger in Manchester Enzo Maresca lernte als sein Co-Trainer. Und Mikel Arteta, Arsenal-Meistertrainer, war schließlich sein Assistent und Musterschüler.
In der Formel 1 gibt’s neben der Fahrer-WM-Krone auch eine für den Konstrukteur. Mastermind Pep Guardiola wäre im Fußball der erste Anwärter dafür. Sein größtes Vermächtnis ist die Art, wie nun Fußball gespielt wird.









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