Doktortitel mit 93 Jahren

Freude an Wissenschaft kennt kein Alter. Eugen Gross feiert Promotion an TU Graz.

„Auch mit 93 Jahren möchte ich einen Beitrag zur wissenschaftlichen Entwicklung leisten und die Erfahrungen aus mehr als 60 Jahren Berufspraxis als Architekt in die Diskussion über Architektur einbringen“, so Eugen Gross. Der Grazer Architekt nahm sein Doktoratsstudium an der Technischen Universität im Wintersemester 2023 auf und absolvierte es in Mindestzeit. „Der entscheidende Grund für das Doktorat ist die Freude, die ich an wissenschaftlicher Arbeit habe.“

Der 1933 geborene Architekt ist damit nach Auskunft des Wissenschaftsministeriums der älteste seit dem Jahr 2000 österreichweit dokumentierte Promovend. Für frühere Zeiträume liegen keine vollständig auswertbaren Daten vor. An der TU Graz ist er jedenfalls der älteste Promovend in der Geschichte der Universität und setzt ein eindrucksvolles Zeichen für wissenschaftliche Neugier und lebenslanges Lernen.

Mitgründer der „Werkgruppe Graz“

Über Generationen hinweg prägte der 1933 in Bielitz-Biala in Ostschlesien geborene Eugen Gross die österreichische Architektur- und Planungskultur. Gemeinsam mit den Architekten Friedrich Groß-Rannsbach, Werner Hollomey und Hermann Pichler gründete er die „Werkgruppe Graz“ und schuf einige der wichtigsten Bauwerke der österreichischen Nachkriegsmoderne. Die Werkgruppe realisierte in drei Jahrzehnten mehr als 100 Projekte im In- und Ausland. Zu den bekanntesten zählen die Terrassenhaussiedlung Graz-St. Peter, das Studentenheim Hafnerriegel, das Studentenhaus Leechgasse/Sonnenfelsplatz, die Erste Chirurgische Universitätsklinik am LKH Graz sowie das vielfach ausgezeichnete Druckzentrum der Styria in Graz-Messendorf.

„Prinzip der doppelten Umkehr“

In seiner Dissertation „ARCHAEA URBANA – Die städtebauliche Utopie als virtuelle Stadtgründung, dargestellt an der Wechselwirkung von Insel und Struktur“ untersucht Gross utopische Stadtentwürfe als „virtuelle Stadtgründungen“. Ausgangspunkt ist seine jahrzehntelange Beschäftigung mit städtebaulichen Utopien, die bis zu seinem 1968 veröffentlichten Text „Die Wirklichkeit der Utopie im Städtebau“ zurückreicht. In seiner Dissertation entwickelt Gross das sogenannte „Prinzip der doppelten Umkehr“.

Es beschreibt Architekturwahrnehmung als einen wechselseitigen Prozess von Raum und Zeit, bei dem Brüche und Perspektivwechsel architektonische Qualität sichtbar machen. Dieses Modell wendet er unter anderem auf die Terrassenhaussiedlung in Graz-St. Peter an. Gross: „Ein Bau ist mit seiner Fertigstellung nicht vollendet, sondern wird vom Betrachter und Nutzer immer wieder neu geschaffen. Diese Sichtweise hat mich auch in meiner wissenschaftlichen Arbeit begleitet.“

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