„Bitte nicht groß machen – das verstopft das System“
Hält die Biennale Florentina Holzinger aus? Europas radikalste Performance-Künstlerin. Kritiker wittern Riesen-Skandal im Österreich-Pavillon. Alle Zutaten für Mega-Empörung. - titelte KLIPP schon im Vorfeld der 61. Biennale in Venedig (HIER zum Nachlesen). Und in der Tat ist es so. Menschenschlangen vor dem Österreich-Pavillon schon beim Preview. Noch bevor ab morgen (9.5.) das allgemeine Publikum die Performance der gebürtigen Wienerin bestaunen darf.
Noch nie war in der jüngeren Geschichte der Biennale Venedig der österreichische Pavillon derart in aller Munde. „Seaworld Venice“ von Florentina Holzinger ist DER Publikumsmagnet. Die Besucher nehmen sogar Wartezeiten von zweieinhalb Stunden in Kauf, nur um in kleinen Gruppen in den Pavillon gelassen zu werden.
Warnung vor Österreich-Pavillon
„… wem die Stunde schlägt“
Schon beim Eingang zum Giardini-Gelände wird mit einer Warnung darauf hingewiesen, dass es bereits vor dem Österreich-Pavillon zu Nacktheit kommt (wenn eine nackte Performerin als Klöppel stündlich eine Glocke schlägt) und diese Nacktheit „auch aus dem weiteren Umkreis wahrgenommen“ werden könne. Wer es nicht in den Österreich-Pavillon schafft, der nimmt zur vollen Stunde den menschlichen Glockenschlag vor dem Gebäude in Augenschein oder in den Fokus des Smartphones. Holzingers Glocke gibt derzeit den Takt der Kunstbiennale vor. Der Platz vor dem Pavillon ist alle 60 Minuten dicht gefüllt.
Im Rahmen der Eröffnung am vergangenen Mittwoch (6.5.) gab es Berichte in nationalen und internationalen Medien. Zuvor titelte beispielsweise die Kronen-Zeitung „Österreich in Venedig: Jetzt wird’s unappetitlich.“ Spekuliert worden war, dass Holzinger direkt im Urin baden gehen würde – hält das die Haut überhaupt aus? Was ist mit der Geruchsentwicklung, den Auswirkungen auf die anliegenden Pavillons?
„Irritieren, wachrütteln oder belustigen“
Die gezeigten Performances, die in „Seaworld Venice“ zu einer Kunstinstallation verwachsen, können irritieren, wachrütteln oder belustigen, heißt es im „Standard“. „Doch unter dieser Oberfläche verarbeiten sie die Aspekte dieser Stadt – und somit Themen unserer Zeit. Ein Element wird hier als Lebensgrundlage, als Bedrohung und als reinigendes Weihwasser inszeniert – und mit unseren Körperflüssigkeiten gespeist.“
„Die globale Kunst taumelt am Abgrund“
So der Titel in der FAZ. „Performerinnen in Fäkalien-Tanks, Pussy-Riot-Demos vor dem Russland-Pavillon, Plattenbau-Mosaik am deutschen Pavillon: Die 61. Biennale in Venedig spiegelt den Zustand der Welt – im Guten wie im Bösen.“ Und die Wochenzeitung DIE ZEIT titelt: „Österreich geht unter, Dänemark schaut Pornos, und was macht Israel? Auf der Biennale in Venedig baumelt die Wiener Künstlerin Florentina Holzinger nackt in einer Glocke.“
„Diese Toiletten in Venedig versetzen die Kunstwelt in Aufruhr“
Und selbst die „New York Times“ widmet dem Österreich Pavillon eine große Reportage. Alex Marshall schreibt dort: Constanza Pérez de Lara, 27, eine regelmäßige Mitarbeiterin von Holzinger, warnte mich, als ich mich auf eine der beiden mobilen Toiletten zubewegte. „Bitte nicht groß machen“, sagte sie. „Das verstopft das System.“ Dann nickte Pérez de Lara in Richtung eines verglasten Raumes voller Behälter und Schläuche, der sich mit brauner Flüssigkeit füllte. „Mal sehen, was passiert“, sagte sie emotionslos. Ich hatte den ganzen Morgen Wasser getrunken und war bereit, einen weiteren Beitrag zur Kunst zu leisten. Doch die mobilen Toiletten waren jetzt der angesagteste Ort in Venedig, und die Schlange war riesig. Ich habe woanders eine Toilette benutzt. Was für eine Verschwendung. (New York Times).
Und nicht zuletzt ist der Österreich-Pavillon auch in italienischen Medien ein Thema. Von einer „Mischung aus Wasserfreizeitpark, Sakralbau und Kläranlage“ spricht etwa die italienische Kunstzeitschrift „Il Giornale dell’Arte“. Das Werk sei keine einfache Installation, „sondern ein lebendiger, durchlässiger Organismus, der die Distanz zwischen Publikum und Künstlern aufhebt.“
Kunst, in welcher Darbietung und Form auch immer, darf/muss auch unerträglich sein dürfen. Und diese Botschaft gelingt Florentina Holzinger mit ihrer brachialen Inszenierung. Nämlich die internationale Aufmerksamkeit der Kunst- und Kulturwelt. Aber auch die der Politik. Durch ihre geniale, grenzwertige, da und dort auch abstoßende, aber unmissverständliche Botschaft. Symbolisch an Ernest Hemingways Buch-Klassiker „Wem die Stunde schlägt“ erinnernd. Der menschliche Glockenschlag zu jeder Stunde signalisiert den Zustand unseren Planeten.





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