„… er kommt aus der Hölle“

Erzbischof Franz Lackner aus St. Anna am Aigen feiert den 70er

Franz Lackner ist der einzige Mensch und Bischof, der die im christlichen Glauben gefürchtete „Hölle“ als Kind erlebt hat. So nennt sich die Dorfschaft in St. Anna am Aigen, wo er aufgewachsen ist. In einer kleinen „Keusch’n“, seinem Elternhaus, damals noch knapp am Eisernen Vorhang zu Ungarn gelegen. Am 14. Juli 1956 geboren feiert er am kommenden Dienstag seinen 70. Geburtstag. Die Festlichkeiten dafür gibt es allerdings schon am Samstag (11.7.) davor. Mit einem öffentlichen Festgottesdienst in St. Anna samt Einzug vom Hauptplatz in die Kirche.

Seit 2014 ist Franz Lackner Erzbischof von Salzburg und seit 2020 Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz.

Der Spätberufene wuchs in großer Armut auf und litt darunter. Nach der Schule machte er die Ausbildung zum Elektriker. Später ging er zum Bundesheer und für die UNO nach Zypern. Auch Angst war bei diesem Einsatz dabei. In der Unterkunft las er oft aus der Bibel, und da löste Matthäus 11,28 die Weichenstellung für sein späteres Leben aus: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich werd’ euch Ruhe verschaffen.“ Dieser Satz ließ ihn nicht mehr los. Mit 23 Jahren tritt er ins Priesterseminar Horn ein.

„Als Franziskaner habe ich gerne das Armutsgelübde.“ Armut hat dort einen religiösen, tiefen Sinn bekommen. „Ich schämte mich nicht mehr, sagen zu müssen: ,Ich hab kein Geld.‘“

„Ich habe als Kind zu Hause viel Gutes über Gott gehört und den Glauben in der Familie und Pfarre als etwas Lebensdienliches erfahren dürfen. Und trotzdem habe ich Gott in der Jugend verloren.“
Wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken.

Lackner: Ich bin jetzt Erzbischof in Salzburg. Wenn ich über den Kapitelplatz gehe und auf das Bischofshaus – ich sage bewusst nicht Palais – zugehe, dann denke ich mir: „Ist das wirklich?“ Weil die Kindheitserlebnisse für mich so prägend waren. Es ist bei mir eigentlich noch gar nicht angekommen. Und ich finde es vielleicht ganz gut, dass es offen bleibt.

Was war da so prägend?

Wir waren so arm zu Hause. Fünf Kinder haben in einem Zimmer geschlafen. Wir haben zwei Kühe gehabt. Ich habe mich als Kind gefragt und überlegt: „Woher komme ich? Woher kommen die Kinder? Wer entscheidet das?“ Für mich war klar: Die Eltern können das nicht entscheiden, weil wir zu viele sind. Ich habe gemerkt, die Eltern haben darunter gelitten, dass sie uns Kindern nicht das geben konnten, was wir gerne haben wollten und was man durchaus brauchte. „Gott wird doch nicht so dumm sein“, habe ich mit Verlaub damals gedacht, „denen fünf Kinder zu geben. Also, woher komme ich überhaupt?“



Und was hat die Mutter gesagt?

Direkt habe ich diese Frage nie gestellt. Ich habe immer so rundherum gefragt, die zentralen Fragen hat man bei uns nicht ausgesprochen. Zum Beispiel: Warum hast du den Vater geheiratet? (Anmerkung: Lackners Eltern waren bereits ziemlich alt, der Vater, 1911 geboren, war schon 40, als er geheiratet hat, die Mutter war auch schon gegen 30.)

Über die Liebe hat man bei uns nicht geredet. Wir haben uns auch nicht umarmt oder geküsst beim Weggehen oder Kommen. Ich habe meine Mutter zum ersten Mal bei der Priesterweihe umarmt, obwohl ich als Kind gespürt habe, die Mutter würde alles tun für uns Kinder. Die Zärtlichkeit als Ausdrucksform war mir fremd. Ich kann mich erinnern, es ist einmal eine Klosterschwester zu Besuch gekommen, die hat die Hand unserer Mutter gehalten und sie beim Weggehen umarmt. Das ist uns ganz komisch vorgekommen. Was macht die da? Wir haben Liebe auf ganz andere Weise bekommen.

Und haben Sie heute, 50 Jahre später (2015), eine Antwort darauf?

Die ganz großen Fragen, die ich mir stelle, die gestellt werden, bleiben immer die gleichen, die sich auch schon ein Aristoteles gestellt hat. Warum gibt es etwas? Da kann es letztlich auch keine Antwort geben. Und da gefällt mir ein Satz von Rainer Maria Rilke gut, der sagt: „Lebe die Frage und du wirst langsam in die Antwort hineinkommen.“ Mit gewissen Fragen lebe ich gerne. Auch der Glaube ist für mich mehr Frage als Antwort. Denn für mich ist Glaube kein Wissen im wissenschaftlichen Sinn, sondern ein angemessenes Wissen. Aber Gründe, die alles erklären im Glauben, das gibt es für mich nicht. Denn da hat man ja auch das Mysterium des Glaubens schon entleert.

Wenn Sie jetzt in Ihrem Palais in Salzburg sitzen. Was denken Sie da in einer ruhigen Stunde?

Ich erlebe es so, dass sich Wünsche und Sehnsüchte erfüllen. Ich glaube, dass Gott – das traue ich mich zu sagen – keinen Wunsch unerfüllt lässt. Man muss nur warten. Und er kommt vielleicht anders, als man denkt. Als Kind habe ich sehr darunter gelitten, dass wir wenige Bücher gehabt haben. Ich kann sie an einer Hand aufzählen: Peter Rosegger – „Als ich noch ein Waldbauernbub war“, Reimmichl – „Die Geschichte eines bösen Buben“ und „Licht der Berge“.

Das waren die drei wesentlichsten Bücher, die wir im Haus gehabt haben. Ich habe immer die Sehnsucht gehabt, zu lesen und zu studieren, war aber kein guter Schüler. Ich habe immer gedacht, wenn man arm ist, darf man auch nicht gut sein. Und das hat sich jetzt erfüllt. Ich habe so viele Bücher. 100 Meter Bücher musste ich von Graz nach Salzburg transportieren. Die sind mir sehr wertvoll. Da denke ich schon zurück, wie das damals war. Der Traum ist in Erfüllung gegangen. Ich durfte so viel lernen, studieren.


Zu den „verheirateten Priestern“, die dann in der Kirche nicht mehr eingesetzt werden:

„Es gibt ehemalige Priester, die geheiratet haben. Wenn Mitbrüder sich entschließen, ihr Amt aufzugeben, ist die Kirchenleitung grundsätzlich bemüht mitzuhelfen, den Weg in eine andere Arbeitswelt zu finden. Zum Teil sind dies Tätigkeiten mit sozial-religiösem Hintergrund. Die Kirche will niemanden in dieser Situation allein stehen lassen, sondern helfen, dass ein Neustart gelingt. Hier wird jedes einzelne Lebensschicksal gesondert betrachtet und nach gangbaren Wegen gesucht. Es gab und gibt aber auch solche, die auf Distanz zur Kirche gehen wollen. Dies muss auch akzeptiert werden.“

Priester aus der protestantischen oder anglikanischen Kirche können in die katholische Kirche übertreten. Das heiße Thema dabei: Die sind ja meist verheiratet, haben Familie und dürfen dann doch das Priesteramt ausüben.

„Es kommt gelegentlich vor, dass ein evangelischer Pastor in die katholische Kirche konvertieren möchte und darin das Priestertum anstrebt. Die Kirche weiß sich der Vorgehensweise aufgrund folgender Voraussetzungen verpflichtet: Dem Betroffenen hat sich zur Zeit seiner Berufung die Frage des Zölibats in seiner Kirche nicht gestellt. Er hat kein Zölibatsversprechen gegeben und darf daher mit Dispens in der katholischen Kirche Priester werden. Die katholische Kirche akzeptiert seine Herkunft aus dem Dienst am Volke Gottes in der evangelischen Kirche und selbstverständlich sein Eheversprechen. Darum ist er dem Zölibat nicht verpflichtet.

(Franz Lackner als Weihbischof im Klipp-Gespräch im Dezember 2011)


KLIPP führte mit ihm vor Jahren ein längeres Gespräch – auch über aktuelle, heikle Themen in der Katholischen Kirche.

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