Ende des NS-Terror-Regimes. Anfang der Not.
Wien war bereits am 13. April 1945 ebenfalls von den Russen befreit worden. Der Krieg damit in Ostösterreich zu Ende. Ganz anders auch im östlichen Teil der Steiermark und in Graz, der „Stadt der Volkserhebung“. Von den Nazis stolz mit dieser Etikette versehen, litt die Grazer Zivilbevölkerung unter größter Not und Angst. Es gab hunderte Opfer bis Anfang Mai durch die fürchterlichen, täglichen Bombenangriffen der Alliierten. Aber nicht nur das.
Täglich Hinrichtungen
Speziell in der steirischen Landeshauptstadt wütete das Nazi-Regime in den letzten Kriegswochen schlimm. Täglich kam es zu Erschießungen von inhaftierten Regime-Kritikern, Deserteuren, Zigeunern, Kriegsgefangenen in der SS-Kaserne Wetzelsdorf und zu Hinrichtungen durch Standgerichte. Die Verantwortung dafür lag in der Hand von Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Sigfried Uiberreither. Unter seiner Führung erfolgten bis Kriegsende grauenhafte Verbrechen an der Zivilbevölkerung mit tausenden Opfern in der Steiermark und im heutigen Slowenien. Uiberreither und seine willfährigen Nazi-Mitstreiter ließen jeden standrechtlich erschießen, der nicht zur Verteidigung „bis zum letzten Blutstropfen“ bereit war.
Der Feigling Sigfried Uiberreither
Er selbst war aber nicht bereit, die Konsequenzen für seine Wahnsinnsbefehle zu tragen. So bereitete er schon in den letzten Wochen vor Kriegsende die Flucht für seine Familie und sich in die Obersteiermark vor. Frau und Kinder waren dort schon in Sicherheit gebracht. Und auch er setzte sich einen Tag vor dem Einmarsch der Russen in Graz – natürlich im Dienstauto und mit seinen engsten Mitarbeitern – dorthin ab. Nach Wochen wurde er von den Alliierten gestellt und auch interniert. Mit Hilfe seines Nazi-Umfelds gelang ihm jedoch die Flucht aus dem Internierungslager. Einen Tag, bevor er nach Jugoslawien ausgeliefert werden sollte. Dort hätte ihn das Todesurteil erwartet.
Falsche Spur gelegt
Der Ex-Gauleiter blieb untergetaucht. Geschickt ließ er durch Mithelfer seine Spuren verwischen. Es hieß, wie bei vielen anderen Nazi-Größen, er sei nach Südamerika geflohen. Dabei hatte sich Sigfried Uiberreither aber mit Hilfe seines alten Nazi-Netzwerks ins benachbarte Deutschland abgesetzt. Dort erhielten er, seine Frau und die drei Kinder als Familie eine neue Identität. Von da an hieß er Friedrich Schönharting.
Bis hin zu seinem Tode am 29. Dezember 1984 (geboren am 29. März 1908) lebte seine Familie, aber auch er, völlig unbehelligt in Sindelfingen bei Stuttgart. Beruflich war der gesuchte Massenmörder und Kriegsverbrecher unerkannt als Direktor in einem kleinen Familienunternehmen bis wenige Jahre vor seiner Pension tätig.
„Österreich wollte ihn nicht finden“
Käthe Schönharting, seine Frau und spätere Witwe, eine Tochter aus der in Graz bekannten Familie Wegener, kam öfters zu Besuchen nach Österreich und Graz – noch zu Lebzeiten ihres Mannes Friedrich Schönharting. Offensichtlich gab es für die Behörden genügend Gründe, ihren „nach Südamerika geflohenen Mann“ gar nicht mehr finden zu wollen. Wiewohl es über seine Frau einfach gewesen wäre, dies zu tun. War doch ihr Mann als Ex-Nazi-Funktionär einer der schlimmsten lebenden Verbrecher des Regimes. Die Pointe: Der Ex-Gauleiter und Massenmörder erhielt sogar ein Begräbnis am Burghaldenfriedhof in Sindelfingen. Er fand dort seine letzte Ruhestätte in geweihter Erde.
Noch immer verscharrt und namenlos
Die „letzten“ knapp 100 Opfer Uiberreithers liegen hingegen noch immer verscharrt und namenlos in einem zugeschütteten Bombentrichter in der ehemaligen SS-Kaserne in Graz-Wetzelsdorf. Mit Finesse und Ausflüchten wurde die Identifizierung der Opfer (logischerweise aufwändig) und Überführung in eine ordentliche Begräbnisstätte verhindert. Und damit die letzte Geste der Würde für einen Menschen.
Bitter auch für die Angehörigen der bis heute „Namenlosen“ in diesem Bombentrichter am Kasernengelände in Wetzelsdorf. In Nachbarschaft des ehemaligen Exerzierplatzes und einer Sportanlage. Ein Schandmal für Österreich. Daran ändert auch ein Gedächtnishain in der Ex-SS-Kaserne und heutigen Belgierkaserne in Graz-Wetzelsdorf nichts.
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